Natürlich musste das Baby Jessica heißen, wie Jessica Ennis, die britische Olympiasiegerin. Die Neugeborene war ja "ein Olympiakind", wie ihre Mutter sagt, die Schuhverkäuferin Bryony McGuire. Jessica kam im August 2012 während der Sommerspiele in London zur Welt, die damals praktisch vor ihrer Haustür im wenig begüterten Stadtteil Stratford stattfanden. Drei Jahre ist das her, Mutter und Tochter wohnen immer noch hier – was nach diesen Olympischen Spielen nicht selbstverständlich ist –, und wer sich fragt, was vom Sommerspektakel des Jahres 2012 geblieben ist, für den ist Bryony McGuire eine gute Gesprächspartnerin. Die Bilanz ist zwiespältig, darum muss als Erstes festgehalten werden, dass Frau McGuire die Spiele in guter Erinnerung hat und insgeheim hofft, ihre Tochter werde es selbst dereinst zu olympischem Gold bringen. "Frühestens 2032. Dann ist Jessica zwanzig."

Was Olympische Spiele kosten, welche Einnahmen sie generieren, wie viel oder wie wenig Wachstum sie erzeugen – all dies mögen wichtige Fragen sein, aber sie stellen sich für die McGuires so wenig wie für die große Mehrheit der Briten – einfach deshalb, weil die Spiele gut gelaufen sind. Der Kostenrahmen wurde eingehalten, auch weil die Briten von vornherein ein Polster für zusätzliche Ausgaben vorgesehen hatten. Zum wirtschaftlichen Ertrag der Spiele hat die britische Handelskammer ein paar optimistische Betrachtungen von mäßigem Erkenntniswert veröffentlicht, angeblich hat das Sportspektakel Auslandsinvestitionen von umgerechnet gut 14 Milliarden Euro hervorgerufen. Selbst der damalige britische Handelsminister bezweifelt diese Zahlen, aussagekräftig sind sie dennoch: Drei Jahre nach den Spielen von 2012 ist die Überzeugung, sie seien ein großer Erfolg gewesen, so weit verbreitet, dass kaum jemand noch nach Details fragt. Die Spiele haben der Wirtschaft genützt, das ist unbestritten. Und wozu soll man noch genauer wissen wollen, was ohnehin niemand bestreitet?

Sorgfältige Planung, ein ausreichendes Budget – auf eine paradoxe Weise hat womöglich sogar der islamistische Terrorismus zum Erfolg der Londoner Spiele beigetragen. Am Morgen des 7. Juli zündeten islamistische Extremisten in der Londoner U-Bahn mehrere Sprengsätze. 52 Menschen starben bei dem Terroranschlag, mehr als 700 wurden verletzt. "Wenn die Anschläge eines bewirkt haben, dann dass die Londoner enger zusammenrückten", sagt der damalige Bürgermeister, der linke Labour-Politiker Ken Livingston. "Die Stadt war entschlossener denn je, die besten Olympischen Spiele aller Zeiten auf die Beine zu stellen." Zu Tausenden fanden sich Freiwillige ein, um während der Wettkampftage die Besucherströme durch die Stadt zu lenken. "Jeder einzelne von ihnen gab London ein individuelles Gesicht", schwärmt Livingston.

Aber den Londonern ging es von vornherein um mehr als nur eine gelungene Veranstaltung, um mehr auch als Imagewerbung und Wirtschaftswachstum. Sie wollten, ähnlich den heutigen Plänen in Hamburg, die Stadtentwicklung vorantreiben. Vor allem weniger gut gestellte Bürger sollten davon profitieren. Olympia 2012, das sollte ein Hoffnungsträger für die nächste Generation werden, ein Startschuss für den sozialen Aufstieg. Zu der entscheidenden IOC-Sitzung im Juli 2005 in Singapur war die britische Delegation mit dreißig Kindern aus Stratford angereist. "Es waren die Kids, deren Zukunft und Lebenschancen durch die Spiele nachhaltig verändert werden sollten", sagt Bürgermeister Livingston. "Bei uns standen die Menschen von Stratford im Zentrum. Investitionsentscheidungen für eine neue Infrastruktur richteten sich in erster Linie nach den langfristigen Bedürfnissen des Stadtteils."

Die Bedürfnisse des Stadtteils? Stratford ist heute auch ein Schauplatz der Schattenseiten, die selbst gelungene Olympische Spiele haben. Ausgerechnet hier haben viele Menschen den Glauben an die erneuernde, wohlstandschaffende Kraft von Olympia verloren. Sie fühlen sich von der rasanten Entwicklung ihres Stadtteils zurückgelassen.

Der Bahnhof wurde zum Knotenpunkt ausgebaut. Nach Paris dauert die Reise von hier keine zwei Stunden mehr. Hotels und ein Einkaufszentrum voll mit Luxusboutiquen verbinden den alten Ortskern mit dem neuen Olympiapark, in dem mehr als 10.000 neue Wohnungen entstehen. Das alles hat Jobs geschaffen und Stratford von seiner Trostlosigkeit befreit. Es hat aber auch eine neue Mittelschicht angelockt und die Immobilienpreise in die Höhe schießen lassen. Bryony McGuire und Jessica wohnen in einer Sozialwohnung im Zentrum mit Blick auf das Stadion und den Olympiapark. "Aber wir haben Glück", meint sie. Viele ihrer Freunde sind weiter stadtauswärts gezogen, weil sie sich die Mieten in Stratford nicht mehr leisten können.

Für den Soziologen Richard Sennett von der London School of Economics hat die Stadtplanung zu einer "Ghettoisierung" geführt. Ja, Stratford sei heute heterogener als vor den Spielen, sagt Sennett, aber "die Arbeiterschicht, Migranten und Yuppies leben nebeneinander, nicht miteinander". Demnach haben sich die Chancen für den sozialen Aufstieg und ein Leben in mehr Wohlstand für die Menschen von Stratford durch London 2012 nicht dramatisch verändert.

Dennoch war Olympia 2012 für die Schuhverkäuferin Bryony McGuire ein prägendes Erlebnis. "Millionen von Fernsehzuschauern war unser kleines Stratford das Zentrum der Welt", das begeistert sie noch heute. Für Sport hatte sie sich bis dahin nie interessiert, aber als die britische Athletin Jessica Ennis im Siebenkampf Gold gewann, beschlich sie das Gefühl, bisher nicht alles aus ihrem Leben herausgeholt zu haben. "Jessica Ennis ist der Beweis dafür, dass man alles erreichen kann. Man muss es sich nur vornehmen", sagt sie.

Für Bryony McGuire hält der Zauber von Olympia bis heute an. "Merken Sie sich den Namen Jessica McGuire", sagt sie. "In ein paar Jahren wird sie weltberühmt sein!"

So geht es heute den meisten Briten. Auch wenn sich nicht alle Hoffnungen erfüllt haben, blieb am Ende vor allem die Erinnerung an einen Sommer der kollektiven Euphorie. Nach dem Triumph der Siebenkämpferin Jessica Ennis wurden auf der Insel mehr kleine Jessicas geboren als je zuvor.