Am Freitag, den 13. November, wurde der französische Philosoph André Glucksmann am Nachmittag auf dem Friedhof Père-Lachaise zu Grabe getragen. Alle waren da. Bernard-Henri Lévy, Pascal Bruckner, Isabelle Adjani, Bernard Kouchner, Jack Lang und Daniel Cohn-Bendit. Es wurde Bach gespielt, es wurden Reden gehalten. Es war eine Trauerfeier des alten intellektuellen Paris, in dem politisches und philosophisches Denken untrennbar zusammengehörten. Man versammelte sich noch einmal im Geiste Sartres, der stets bereit war, sich unter dem Druck der Aktualität zu engagieren, zu radikalisieren – und zu irren.

Dann kam die Freitagnacht in Paris und der Morgen danach, an dem einige der Beerdigungsgäste nicht lange fackelten und durchaus im Sinne des toten Freundes zurückschossen. Mit Worten versteht sich. Pascal Bruckner greift die Kriegsrhetorik des französischen Präsidenten, die man in Deutschland so sorgfältig zu vermeiden sucht, in einem Artikel für die NZZ sofort auf und schlägt vor, dass sich Frankreich an die Spitze einer Koalition setze, um "die Mörder zu zerstören" und Mossul und Rakka zu bombardieren. Man dürfe, schreibt der Philosoph, den Terroristen keine Atempause gönnen: "bis zur kompletten Ausmerzung".

Bernard-Henri Lévy geht noch weiter. Der Starphilosoph plädiert dafür, das Kind beim Namen zu nennen: "Krieg also", so beginnt sein Text in Le Point. Man müsse das Undenkbare denken und dem Paradox ins Auge sehen, dass eine moderne Republik in den Kampf ziehen müsse, um sich zu retten. Lévy scheut sich nicht, selbst den heikelsten aller historischen Vergleiche ins Feld zu führen: den mit der Situation am Ende der 1930er Jahre, als pazifistische französische Intellektuelle wie Georges Bataille gezwungen waren, angesichts des deutschen Kriegsterrors die "Wiederbewaffnung der Welt" zu fordern. An einem solchen Punkt befinde man sich heute wieder. Denn "Paris zu zerstören heißt, die Welt zu zerstören". Der Krieg gegen die Feinde des freien Paris müsse "gnadenlos" sein.

Während man sich in Frankreich solcherart enragiert, bleiben die deutschen Stimmen gemäßigt, wenn nicht gespenstisch ungerührt. Nach dem ersten Schock besinnt man sich darauf, dass die westliche Lebensart am wirksamsten zu verteidigen sei, indem man sie stoisch weiter praktiziere ("auszugehen ist die erste Bürgerpflicht", Claudius Seidl in der FAS). Und übt sich im Übrigen in staatsbürgerlichem Pragmatismus, indem man den Kampf gegen die islamistischen Terrorkommandos zu einer Angelegenheit polizeilicher Ordnungskräfte heruntermoderiert ("es geht eigentlich um Verbrechensbekämpfung", Gustav Seibt in der SZ).

Gemessen an der tief gekühlten deutschen Gedankentemperatur, befinden sich die französischen Denker im Fieber des intellektuellen und rhetorischen Ausnahmezustandes. Paris, der Mythos, die Stadt der Revolution und der Liebe, wurde angegriffen. Das ist nicht ein Terroranschlag neben anderen. Das ist ein Angriff auf die Fundamente unseres Lebens: donc la guerre.

In der deutschen Hauptstadt vertraut man noch auf das geregelte Glück einer Normalität, die einem im verwundeten Paris gerade um die Ohren fliegt.