Die höfische Welt des 18. Jahrhunderts war vernarrt in kunstvoll verzierte Dosen. Man nutzte sie für Puder, Pillen und dergleichen; besonders beliebt waren Döschen für Tabak, die Modedroge des Barock und Rokoko. Viel populärer als das Rauchen war damals das Schnupfen, auch bei Frauen. Herren wie Damen nutzten zur Aufbewahrung des Nasenkrauts bemalte Tabatieren aus Porzellan. Das Auktionshaus Metz in Heidelberg versteigert am 28. November ein ungewöhnliches Exemplar, das um 1750/60 in der Manufaktur Meissen entstand. Die Porzellanflächen sind nach den schonungslosen Radierungen von Jacques Callot bemalt: Krüppel mit verzerrten Gesichtern, ein Zwerg mit Hängebauch, ein Geigenspieler, der wie ein triefäugiges Monster aussieht. Tabatieren waren luxuriöse Modeaccessoires im Rokoko. Daher fragt man sich, wer all die grotesken, bemitleidenswerten Figuren beim Schnupfen vor Augen haben wollte. Hat damit jemand sein Außenseitertum demonstriert? Oder war es das Geschenk an einen Hofnarren? Man denkt lange über die Bilder nach, das macht die kleine Dose zum bedeutenden Kunstwerk. Sollte es beim Schätzpreis von 4.000 Euro bleiben, dann wäre sie sogar noch ein wahres Schnäppchen.

Der Autor ist stellv. Chefredakteur von "Weltkunst" und "Kunst und Auktionen".