Wie kann man eine Geschichte neu erzählen, die wir alle schon so oft gehört haben, dass wir beinahe das Gefühl haben, wir hätten sie selbst erlebt? Zum Beispiel indem man die Frage stellt, wie das eigentlich gewesen wäre, hätten wir sie selbst erlebt.

Franz Hohler, der große Schweizer Erzähler und Kabarettist, beginnt seine Weihnachtsgeschichte weit entfernt von dem Moment, auf den alles auf ziemlich fantastischen Wegen zuläuft: in den Sommerferien. Die verbringen Jona und Mona wie jedes Jahr mit ihren Eltern in einem kleinen Haus, das am Waldrand eines merkwürdigen Tals in den Schweizer Bergen steht. Wie merkwürdig dieses Tal ist, wird schnell klar. Wenn etwa aus dem Innern des Eulenfelsens, der aussieht wie eine Eule, echte Eulenrufe kommen. Oder wenn die Kinder ihr Spiel auf dem Kamelfelsen wegen eines Gewitters unterbrechen müssen und die Decke, die sie dabei auf ihrem Kamel vergessen haben, nachher noch ganz trocken ist. Oder wenn Jona dort, wo der Regenbogen endet, tatsächlich einen Schatz findet: eine echte römische Münze.

Glücklicherweise versteht Samuel, der Senn, der auf der Alp hinter dem Tal wohnt, etwas mehr von den Merkwürdigkeiten der Gegend als Jonas und Monas Eltern. Er ahnt schon, dass sie alle irgendwie mit dem Kometen zu tun haben, der in diesen Nächsten besonders hell am Himmel steht. Denn immer, wenn in der Vergangenheit der Komet auftauchte, gab es Hitzewellen, Überschwemmungen, Missernten – sagt Samuel, aber der Vater will das nicht so recht glauben.

So ist das überhaupt mit den meisten Erwachsenen, die nicht recht glauben wollen, was doch eigentlich auf der Hand liegt, und deshalb passieren die größten Wunder ja auch immer Kindern. Zeitreisen etwa: können nur Kinder. Sagt Samuel zumindest. "So wie eine Mauer Risse haben kann, hat auch die Zeit Risse, ganz kleine, feine Risse, Spalten. Ab und zu aber öffnet sich ein solcher Zeitspalt, und wir sind in einer anderen Zeit, oder die andere Zeit ist bei uns." Dass die Bedingungen für eine Zeitreise nicht besser sein könnten als in der Nacht des hellen Kometen, leuchtet sofort ein. Und dann ist es nur ein Kamelsprung in die Nacht mit dem berühmtesten aller Kometen.

Hohler erzählt die Geschichte von Christi Geburt als realistisches Abenteuermärchen. Statt auf ihrem Felsen Kometen zu gucken, reiten Jona und Mona plötzlich auf einem richtigen Kamel durch die Wüste. Vor den Toren Bethlehems treffen sie auf Yussuf und die hochschwangere Mirjam, die kein Hotel finden können. Sie quartieren das Paar im nächsten Stall ein und assistieren bei der Geburt, so gut es eben geht. Schlaf kriegen sie anschließend nicht so viel. Zuerst werden sie von ein paar zerlumpten, Flöte spielenden Gestalten geweckt, dann von einem Engelschor auf dem Dach, und schließlich schauen noch "drei außerordentlich würdige Männer" vorbei. Fast wird am Ende noch ihr Kamel geklaut, das mit ihnen durch den Zeitspalt gerutscht ist, aber natürlich geht alles gut aus.

Die Versatzstücke der Geschichte kennt man also. Hohler arrangiert sie neu aus der Perspektive der zwei Kinder, die sich in der fremden Zeit dank ihrer Neugier und Hilfsbereitschaft erstaunlich gut zurechtfinden. Ganz unvorbereitet sind sie ja auch nicht: Dass man am besten "Salve" sagt, wenn man vom römischen Soldaten in die Stadt gelassen werden möchte, wussten sie schon. Außerdem schnappen sie ein paar Brocken Aramäisch auf. Und wenn einer mal nicht freundlich ist, gibt es ja noch die Münze, die Jona gefunden hat, mit der man den Wachposten notfalls bestechen kann.

Hohler nutzt die Komik, die entsteht, wenn das Heute und die Zeit Kaiser Augustus’ sich überlappen und Dinge aus dem Schweizer Alpenland plötzlich in Judäa auftauchen. Da staunen die Kinder im Dorf über die Stoffe, aus denen die Jacken von Jona und Mona gefertigt sind, und im Chor der Engel schwebt eine Eule mit, die dem Eulenfelsen ziemlich ähnlich sieht. Diese Brüche finden sich auch in den hinreißenden Illustrationen von Kathrin Schärer, in denen etwa Jona in Turnschuhen neben Mirjam mit dem Kinde steht. Es sind aber nicht diese (mitunter naheliegenden, aber reizend erzählten) Pointen, die die Stimmung dieses schönsten aller diesjährigen Weihnachtsbücher prägen. Sondern es ist der Entdeckergeist von Jona und Mona, die sich so in die Geschichte stürzen, wie es Kinder eben tun: mit großer Lust an der Identifikation und dem unbedingten Willen, kräftig mitzuhelfen.

Deshalb ist Die Nacht des Kometen auch keine wilde Fantastik, sondern in den Details sogar bibeltreu. Bis auf die beiden Kinder in ihren bunten Anoraks. Deren Vater zweifelt an ihrer sagenhaften Erzählung, trotz aller Beweise. Der Leser aber ist ziemlich sicher, dass es sich genau so zugetragen haben muss.