Vor reichlich einer Woche machten mehrere maßgebliche Onlinemedien, auch ZEIT ONLINE, mit derselben verblüffenden Meldung auf: AfD in Umfrage drittstärkste Partei. In einer Erhebung des Insa-Instituts, las man da, liege die Alternative für Deutschland inzwischen nicht mehr nur vor Grünen und FDP, sondern auch vor den Linken. Wäre am Sonntag Bundestagswahl, könne die AfD mit 10,5 Prozent der Stimmen rechnen, die Linke nur mit 10 Prozent. "Nach den Anschlägen von Paris hat sich die AfD in der Wählergunst deutlich nach vorn geschoben", so stand es bei Spiegel Online.

Abgesehen von der Frage, wie seriös mit einem Unterschied von 0,5 Prozentpunkten Nachrichten zu generieren sind – was in den meisten Beiträgen nicht stand, war: Wer oder was dieses Insa-Institut eigentlich ist, woher genau diese Umfrage also stammt. Seit Wochen, das fällt auf, schneidet die AfD bei Insa-Befragungen überaus gut ab. Es sei schon verwirrend, kommentierte die Welt: "Die einen, wie die Demoskopen von Insa, sehen die AfD im Aufwind. Bei ihnen steigt die Partei bundesweit erstmals auf 10,5 Prozent. In anderen Umfragen hingegen geht es mit der Partei deutlich abwärts." Nur statistischer Zufall?

Insa steht für "Institut für neue soziale Antworten". Ein Unternehmen, das seinen Sitz in Erfurt hat, auf einem Hügel nicht weit von Landtag und Stadion entfernt. Der Chef des Instituts ist Hermann Binkert, ein schmaler Mann mit Brille, studierter Jurist – und über viele Jahre enger Diener hochrangiger CDU-Politiker. Binkert hat ein Faible für exzentrische Kleidung und für knallkonservative politische Haltungen. Er arbeitete erst für Thüringens CDU-Ministerpräsident Bernhard Vogel und machte dann Karriere an der Seite von Vogels Nachfolger, Dieter Althaus. Von Althaus wurde Binkert einst vom persönlichen Referenten bis zum Staatssekretär in der Staatskanzlei befördert. Für ihn, heißt es, war Binkert eine Art Vordenker, ein wichtiger Berater. Es soll etwa Binkert gewesen sein, der bedeutende Teile von Althaus’ Krisen-PR an sich zog, als der 2009 in einen Skiunfall verwickelt gewesen war, welcher den Tod einer Frau zur Folge hatte. Als Althaus nach der vergeigten Landtagswahl 2009 abtreten musste, verließ Binkert die Staatskanzlei – ebenso wie der Ex-Premier mit gehörigem Zorn auf die neue Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht. Von der aus ihrer Sicht allzu liberalen Parteifreundin fühlten Althaus und seine Mitstreiter sich abserviert und ausgebootet. Von der CDU, für die Lieberknecht stand und für die Merkel bis heute steht, halten diese Männer wenig.

Es gibt Leute in Thüringen, die sagen, Binkert habe sein Insa-Institut gegründet, um politischen Einfluss zu bewahren. Spätestens seit 2014, als Binkert auf dem Höhepunkt von Lieberknechts Wiederwahl-Kampf medienwirksam aus der CDU austrat, halten sich Gerüchte: Der Mann habe alles getan, um Lieberknecht zu schaden. Ja: Er berate die AfD, sympathisiere mit ihr, habe gar mit einem Beitritt geliebäugelt. "Zweifel" an Binkerts Umfragen seien "angebracht", kommentierte zuletzt das NDR-Medienmagazin Zapp . Und hört man sich in der Thüringer Union um, seiner alten Partei, stößt man auf nicht wenige, die sagen, sie vertrauten Binkerts Analysen nicht. Dessen Traum sei eine CDU mit Positionen weit rechts der Merkel-Lieberknecht-Union. Binkert verfolge politische Ziele, "der war immer ein politischer Eiferer", erklärt ein einstiger Mitstreiter. "Warum sollte das plötzlich anders sein? Binkert hat sich immer missionarischen Zielen verschrieben, der ist ein Strippenzieher, vom ganzen Habitus her." Ist da was dran? Im Insa-Institut kann man Binkert treffen: Dort ist alles im roten Corporate-Design gehalten. Binkert sagt, er sei kein AfD-Anhänger. An einen Beitritt habe er nie gedacht. "Als Demokrat finde ich es gut, wenn es ein breites Spektrum an Parteien gibt. Aber ich habe mich nach 2009 endgültig aus der aktiven Parteipolitik verabschiedet", sagt Binkert.

Dabei liefert er selbst die Substanz für Gerüchte um eine AfD-Liebelei. Es fällt in seinen Kommentierungen auf, dass er die AfD wenigstens wohlwollend behandelt. In einem Gastbeitrag für die Huffington Post schrieb er: "Die Alternative für Deutschland wird bundesweit ein Stück weit das, was die Partei Die Linke im Osten ist: Eine Volkspartei." In einem anderen Text verteidigt er Bernd Lucke, den AfD-Gründer und Ex-Vorsitzenden, für ebendie Äußerung, die AfD werde eine Volkspartei werden. "Irrt Lucke also?", fragt Binkert, und antwortet selber: "Nein". Rhetorisch fragt er in einem Text: "Wer schützt das Grundrecht auf Asyl für politisch Verfolgte nachhaltiger – derjenige, der Deutschland zum Zufluchtsort aller machen will, die in schlechteren Bedingungen leben als wir, oder derjenige, der klar zwischen Wirtschaftsflüchtlingen und echten Asylberechtigten trennt?" Da blitzt der alte Konservative hervor, der in der CDU seine Heimat verloren hat. Aber äußert sich so ein Demoskop?

"Unser Institut ist unabhängig. Wir spiegeln Meinung, wir machen sie nicht. Und wir beschimpfen auch niemanden, der eine Meinung hat, die wir nicht teilen", sagt Binkert. Tatsächlich berät er die AfD und erhält auch Geld dafür – wenngleich er Wert auf die Feststellung legt, dass er auch andere Parteien berate, wenn die ihn fragen. "Ja, wir führen Umfragen für die AfD durch", sagt Binkert, "wie auch für andere Parteien. Und wir beraten unsere Kunden natürlich auch. Wir haben für mehrere parteinahe Stiftungen gearbeitet und für fast alle Parteien."

Wo aber hat er die Kunst der Demoskopie gelernt?

In Binkerts früherer Partei gibt es Leute, die seine Qualifikation anzweifeln. Ein prominentes Mitglied sagt: "Jeder kleine Handwerksgeselle muss eine Meisterprüfung machen, aber so ein Dünnbrettbohrer soll ein akzeptierter Meinungsforscher werden können?"

Warum ist er denn ausgetreten aus der CDU, 2014? "Ich wollte damit die Neutralität, der ich verpflichtet bin, einfach auch formal vollziehen. Ich war eh nur noch eine Karteileiche", sagt Binkert. Und warum verließ er die Partei mitten im Wahlkampf? "Macht man es kurz vor der Wahl, heißt es: Man schade der Partei. Macht man es kurz nach der Wahl, heißt es, man mache sich wegen der Niederlage vom Acker. Es gibt dafür keinen guten Zeitpunkt. Ich habe das nicht an die große Glocke gehängt und fand auch nicht gut, dass es öffentlich gemacht wurde." Als könnte so etwas gelingen! "Ich habe mich", sagt Binkert, "seit ich Meinungsforschung betreibe, nicht mehr parteipolitisch engagiert und bin seit über einem Jahr aus Überzeugung parteilos." Dass er im Groll auf Lieberknecht ging, bestreitet er nicht.

Wo aber hat er die Kunst der Demoskopie gelernt? Binkert ist Jurist. Er sagt, er habe Mitarbeiter eingestellt, die sich auskennen, und inzwischen habe er einige Erfahrung. Er könne nicht 30 Jahre Referenzen in der Marktforschung vorweisen, aber sein Institut sei nach ISO-Norm zertifiziert. Und immerhin hat er bislang Erfolg. Viele Medien kaufen seine Umfragen ein, seinen wöchentlichen "Insa Meinungstrend", auf dem auch die Sonntagsfragen beruhen, produziert er im Auftrag der Bild, dorthin werden ihm exzellente Drähte nachgesagt, von denen einst auch Dieter Althaus profitiert habe.

Was seine Sonntagsfragen gleichermaßen günstig wie flexibel macht, ist der Umstand, dass er sich dabei nicht auf aufwendige telefonische Erhebungen wie die meisten anderen Institute stützt. Er lässt ausschließlich online, über die Datenbanken des Instituts YouGov, Zahlen erheben. Das ist nicht prinzipiell verwerflich, auch ZEIT und ZEIT ONLINE verwenden YouGov-Umfragen, tendenziell gelten die Telefonpanels der großen Institute vielen Experten aber als weniger fehleranfällig. Und das ist wichtig zu wissen, wenn wie im Fall von Binkerts Umfragen aus Verschiebungen um 0,5 Prozentpunkte schon große Landgewinne für die AfD interpretiert werden. Wie er seine Feldforschung mache, sei Binkerts Sache, sagt ein Demoskopen-Kollege über Binkert. Er könne nur sagen: "Wir machen es anders." Binkert sagt, dass die allermeisten Umfragen seines Instituts telefonisch durchgeführt würden, nur eben der Meinungstrend nicht, die Sonntagsfrage.

Viel mehr Fragen muss er sich dafür gefallen lassen, dass er der AfD sogar erlaubt hat, die konstituierende Sitzung ihrer Thüringer Landtagsfraktion in seinem Insa-Institut abzuhalten. Verträgt sich das mit seiner Arbeit? "Wir haben unsere Räume schon allen möglichen Parteien überlassen", sagt Binkert. "Ich würde es heute aber nicht noch mal so machen."