Vorsichtig nähert sich Brad Mehldau dem Hit, der einmal die Welt erklärte. In sich langsam zusammenziehenden Kreisbewegungen lässt er einen Basslauf das Terrain sondieren, schlägt mit der rechten Hand einen Haken, verwischt alle Spuren, schichtet Töne auf und Obertöne, Akkorde, lässt Dichte und Lautstärke zunehmen und wieder abklingen – und irgendwann, schleichend, wird klar, was es ist: Smells Like Teen Spirit von Nirvana aus dem Jahr 1991, die Hymne einer verzweifelten Jugend.

Im Jahrzehnt zwischen 2004 und 2014 spielte der amerikanische Jazzpianist Brad Mehldau viele Solokonzerte, und der Nirvana-Song zählte ebenso selbstverständlich zu seinem musikalischen Material wie Kompositionen von Thelonious Monk, John Coltrane oder Johannes Brahms. Nun hat er aus 40 Mitschnitten eine opulente 4-CD-Box geformt, in der jede Scheibe einen dramaturgischen Bogen schlägt, facettenreich, kontraststark, präzise.

Als Mehldau mit Mitte zwanzig die Bühnen eroberte, zeigte sich gleich, dass er nicht an Bescheidenheit leidet. Nun, zwanzig Jahre später, dokumentiert die Wahl des ganz großen Formats seinen Anspruch, in der Liga zu spielen, in der sonst immer nur Keith Jarrett auf dem Platz steht. Im Gegensatz zu ihm aber verzichtet Mehldau auf die Spannung des unvorbereiteten Moments und das damit verbundene Risiko. Statt an der eigenen Einflüsterung arbeitet er sich an Stücken ab, die sein Leben begleiten. In ihnen forscht er nach den Brüchen und untergründigen Stimmungen, die sich unter der vertrauten Oberfläche eingekapselt haben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

Tief steigt er dabei in das Materiallager der Komposition hinab und zieht nach Bedarf Motive hervor – Harmonien, Rhythmen, Formverläufe –, die er dann im Spiel auslegt, seziert, neu deutet, überfrachtet, überlädt, bis sie ihre Schranken öffnen und plötzlich etwas preisgeben, das dem Gesamten Spannung verleiht.

Es sind Feierstunden des Klaviers, die er hier zelebriert, des klaren, unendlich differenzierten und modulierbaren akustischen Klangs. Mehldau versteht sich auf feinste Nuancierungen zwischen der Wucht der Bässe und dem Gesang der Obertöne. Und genau so, wie er bei der Materialauswahl die Zäune einreißt, die nach wie vor die hierarchische Ordnung in der Welt der Töne sichern, demonstriert auch sein Spiel: Es ist alles eins – Musik.