Christian Mertl zieht eine Prise Schnupftabak durch die Nase, während er durch die Lagerhalle seiner Firma führt. Die Deckenlampen scheinen grell, und der zwei Meter große Mann wirft einen langen Schatten auf die hinter ihm gestapelten grauen und braunen Kartons. Mertl nimmt ein Messer und schneidet eine Schachtel auf. Der Inhalt ist handelsfertige Ware: Tabak, Zigarren und Zigaretten. Mit dem ungesunden Suchtmittel verdient der 58-jährige Nichtraucher sein Geld.

Wellness und Gesundheit bestimmen zwar den Zeitgeist, der Mensch von Welt sportelt und achtet auf seine Ernährung. Trotzdem ist der Tabakmarkt nach wie vor riesig: Jährlich werden allein in Österreich 13 Milliarden Zigaretten für 2,6 Milliarden Euro verkauft.

Früher war Mertl ein mächtiger Manager von Austria Tabak, in den Zeiten, in denen das Unternehmen den Markt beherrschte. Er war für die Markteinführungen der Sorten Memphis Blue, Casablanca und Nil verantwortlich.

Heute ist Mertl bescheidener. 55 Millionen Zigaretten bringt seine Firma M-Tabak jährlich unters Volk. "Unser Marktanteil liegt bei etwa 0,4 bis einem halben Prozent", sagt er. Was nach Peanuts klingt, ist mehr als ausreichend, um als privater Unternehmer gut davon leben zu können. Doch was motiviert einen mit allen Wassern gewaschenen Manager, sich als Kleinunternehmer mit Tabakriesen und dem Zeitgeist anzulegen?

"Geraucht habe ich nie, weil mir Zigaretten einfach nicht schmecken", sagt der gebürtige Wiener. Schnupftabak ist das einzige seiner Produkte, das er selbst konsumiert. Zigarren raucht er lediglich zu Werbezwecken und bei Geschäftsabschlüssen.

Christian Mertl hat sich extra herausgeputzt. Das dunkelblaue Sakko betont die breiten Schultern. "Wenn ich keine Kundentermine habe, komme ich aber auch in Shorts und Sandalen ins Büro", sagt er und gleitet vom Hochdeutschen in den Dialekt ab.

Schon seine äußere Erscheinung wäre für eine Tabakkampagne aus den sechziger oder siebziger Jahren geeignet. Damals, als Rauchen noch als abenteuerlich, verwegen und männlich galt. Mit seiner Körpergröße und seinem ergrauten Hufeisenbart erinnert er an einen in die Jahre gekommenen Wrestlingstar. Tatsächlich war er selbst einmal Wiener Boxmeister im Schwergewicht.

"Beim Boxen habe ich gelernt, keine Angst zu haben", sagt er und zieht dabei ein breites Grinsen auf. Fehlende Furcht vorm Sprung ins Unternehmertum ist auch der Grund, wieso er heute überhaupt in seiner eigenen Firma steht. Denn Rauchwaren galten schon bei der Gründung seines Unternehmens vor zehn Jahren nicht als hoffnungsvoller Zukunftsmarkt.

Mertl begann trotzdem, die von einer Handvoll internationaler Konzerne beherrschte österreichische Tabakbranche aufzumischen. Mit O’Nyle brachte er als erster heimischer Privatunternehmer eine Zigarettenmarke auf den Markt. "Ernst genommen haben mich damals nur wenige", sagt er und setzt wieder sein gewinnendes Lachen auf, das aussagt: Schaut her, ich habe es geschafft! Das geht auch in Richtung seines ehemaligen Arbeitgebers Austria Tabak, der mittlerweile im japanischen Konzern JT aufgegangen ist.