Daniel Defert ist nicht unbedingt ein Name, bei dem hiesige Beobachter des intellektuellen Feldes die Ohren spitzen. Manch einer weiß vielleicht noch, dass er ein Vierteljahrhundert lang Michel Foucaults Lebensgefährte gewesen ist – mehr aber auch nicht. In Frankreich hingegen ist Defert als Soziologe, Initiator und ehemaliger Präsident von AIDES, der französischen Hilfsorganisation zur Aids-Bekämpfung, ungleich präsenter; dort wünschten sich viele schon länger seine Lebenserinnerungen.

Für diese baten ihn zwei Journalisten eine Woche lang in Klausur. Das Gespräch geriet Defert jedoch zu intim, sodass er es gemeinsam mit einer Herausgeberin umarbeitete. Diese Form des ausgebesserten Gesprächs bietet das passende Format für die Lebenserzählung dieses Chronisten und Hintergrundarbeiters, der die Selbstbeweihräucherung einer Biografie für sich niemals in Anspruch genommen hätte. Erst recht nicht, wenn sie einen so staatsmännischen Titel wie Ein politisches Leben trägt.

Wie dieses Leben ein politisches wurde, schreitet die Gesprächsform in sauberer Chronologie ab. 1937 im Burgund geboren, rutschte Defert Anfang der 1960er Jahre als Vertreter der Studentengewerkschaft Unef in die Proteste gegen eine Fortsetzung des Algerienkriegs. Nach dem Mai 68 beginnt sein politisches Engagement, zunächst verdeckt in der Groupe d’information sur les prisons (GIP), welche die Zustände innerhalb französischer Gefängnisse anprangerte. Später, nachdem sein Partner Foucault als einer der ersten Franzosen dieser neuen Krankheit erlag, offen im Kampf gegen Aids.

Überhaupt Foucault: Deferts wertvolle Arbeit als Multiplikator, der Themen wie Aids oder das Gefängnis enttabuisierte und in die Öffentlichkeit zerrte, führt letztlich immer wieder zurück auf den Philosophen und Lebensgefährten. Nachdrücklich hebt Defert die praktische Seite Foucaults hervor, der, anders als Sartre, heutzutage noch immer nicht als 'engagierter' Denker gilt. Er schildert, wie er als Schatzmeister für Solidarność agierte oder sich im Verborgenen für die Rechte von Gefangenen einsetzte und lange Gespräche mit deren stigmatisierten Angehörigen führte. Sein Schlüsselwerk Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses von 1975 solle daher unbedingt verstanden werden als "Rückgriff auf die Geschichte als Kritik der Gegenwart".

Entsprechend monströs ist die Zäsur, die der Tod Foucaults 1984 in Deferts Leben markiert. Die eigene Sexualität, das Privateste schlechthin, entblößte Aids für jedermann, was die Pandemie in Deferts Augen politisch macht. Die Phase einer sexuellen Liberalisierung – Roland Barthes etwa lernte Defert in einer Gaybar kennen – endete jäh und machte einer pauschalen Diskriminierung Homosexueller und Infizierter Platz. In Reaktion darauf gründete Defert AIDES als "Gegenmacht zu den schlechten Praktiken im Krankenhaus". Beratungshotlines, Spritzentausch, Werbung für Präservative – das Basisvokabular zur Eindämmung von Aids führten AIDES unter seiner Ägide ein. Hinzu kam die immense Aufklärungsarbeit und Sensibilisierung von Politik und Öffentlichkeit, welche die NGO bis heute weiterführt.

Als Leser kommt man nicht umhin, Deferts politische Reaktion auf die private Krise Aids als Fortführung des Willens von 1968 zur gesellschaftlichen Veränderung zu interpretieren. Dass er auch davon sympathisch und ohne die Selbstgefälligkeit der alten Haudegen spricht, macht das Buch auch für Nicht-Foucaultianer lesenswert.

Daniel Defert: Ein politisches Leben. Aus dem Französischen von Ronald Voullié; Merve Verlag, Berlin 2015; 240 S., 22,– €