London im Regen, eine unscheinbare Parkbank beim Buckingham Palace. Gleich soll ein Mann erscheinen, von dem man nicht weiß, wie er aussieht, und der anonym bleiben will – weil er Angst hat, erkannt zu werden: Seine Kollegen sollen nicht wissen, dass er hier mit einem Journalisten spricht. Dafür ist seine Mission zu heikel.

Ein Spaziergänger nähert sich, bleibt stehen. "Mögen Sie lieber Fisch oder Fleisch?", fragt er den wartenden Journalisten. "Für mich am liebsten Rollmops", sagt der Reporter. Rollmops ist das Codewort. Der Spaziergänger setzt sich, stellt sich als Hermann vor und fängt an zu erzählen. Hermann spendet Geld für eine Kampagne, die Großbritannien aus der Europäischen Union befördern soll. Zehntausende Pfund, die er auch mit den offenen Märkten Europas verdient hat. Denn Hermann managt einen Hedgefonds – einen wenig regulierten Investmentfonds, der sein Kapital dort investiert, wo am meisten Rendite zu holen ist. Nun investiert Hermann in den Austritt, den sogenannten Brexit. "Es geht mir um die Zukunft meiner Kinder", sagt Hermann erregt. "Solange wir in der EU sind, ist die wirtschaftliche und politische Stabilität unseres Landes in akuter Gefahr."

So wie Hermann denken viele Briten. Über vier Millionen von ihnen, knapp dreizehn Prozent der Wähler, stimmten im Frühjahr für die Anti-Europa-Partei Ukip. Und das, obwohl Premierminister David Cameron den Briten schon vor der Wahl versprochen hatte, dass sie bis 2017 darüber abstimmen können, ob Großbritannien in der EU bleibt. Damit es dann nicht zum Ausstieg kommt, kämpft Cameron dafür, Europa britischer zu machen: Die EU soll wettbewerbsfähiger werden, sie soll sich mehr auf Wirtschaftswachstum konzentrieren als auf politische Integration. Die Zukunft der Union soll nicht allein durch die Euro-Zone bestimmt werden, sondern genauso durch die Interessen der Länder außerhalb der Währungsunion. Cameron will bei der EU-Kommission erreichen, dass der Anspruch von EU-Ausländern auf britische Sozialleistungen davon abhängig gemacht werden kann, wie lange sie auf der Insel gelebt und in das System eingezahlt haben. Cameron tut viel, um Leute wie Hermann umzustimmen.

Doch Hermann reicht das nicht. Seine größte Sorge ist, dass die Wähler sich im Referendum für Europa entscheiden könnten. "Das wäre eine Katastrophe", glaubt der Hedgefonds-Manager.

"Hedgies" wie Hermann zählen zu den wichtigsten Sponsoren der Austrittskampagne. Jüngst berichtete die britische Presse, dass die Hedgefonds-Milliardäre Sir Michael Hintze und Crispin Odey den Brexit unterstützen. "Meine Spende ist dagegen zwar vergleichsweise klein", meint Hermann, "aber allein bei mir in der Firma haben mehr als ein Dutzend Kollegen ähnlich viel lockergemacht." Unter den Großverdienern der Branche kenne er mindestens vier, die der Lobbygruppe Vote Leave zwischen einer halben und einer Million Pfund gestiftet hätten. Diese überparteiliche Organisation aus Parlamentariern, Unternehmern und Vertretern verschiedener Interessengruppen ist das Zentralorgan der Raus-Fraktion. Ihr Sprecher Paul Stephenson erklärt selbstbewusst, dass er "von den Hedgefonds eine verlässliche Unterstützung der Kampagne erwartet", die Milliardäre Hintze und Odey hätten in "Vote Leave" endlich eine politische Heimat gefunden. Vote Leave hat nach Angaben des parlamentarischen Haushaltsausschusses in den vergangenen Wochen Spenden in Höhe von mehr als drei Millionen Pfund erhalten.

Dass sie Unterstützung aus der Finanzbranche bekommt, überrascht. Denn dort reagiert man traditionell empfindlich auf politische Veränderungen, der Brexit gilt daher als ein zu vermeidendes Risiko. Unter den EU-Gegnern fand man Finanzmanager deswegen bisher nicht – auch wenn sich dort sonst Menschen aus allen politischen Richtungen, aus jeder sozialen Ecke und aus den verschiedensten Berufsgruppen sammeln. Es sind alteingesessene Tories wie traditionelle Labour-Anhänger, Bauern und Arbeiter ebenso wie selbstständige Handwerker und Unternehmer.

Nun ist aus der Europafrage eine Bruchstelle zwischen den Bankern der Londoner City und den Hedgefonds-Managern im Stadtteil Mayfair geworden. "Europa hat sich mit dem Euro dermaßen verrannt, dass es früher oder später zu einem Crash kommen muss", sagt Hermann. "Die Euro-Zone kann nicht überleben, und wenn sie implodiert, bricht auch die EU zusammen." Durch den Austritt sei Großbritannien von den katastrophalen Auswirkungen wenigstens politisch isoliert.