Er war die Stimme Amerikas – Seite 1

Dieser schmalbrüstige Bursche mit den leicht abstehenden Ohren aus Hoboken, New Jersey, Sohn eines Preisboxers und einer Barbesitzerin. Auf dem Schulhof hänseln sie ihn wegen seines Nachnamens – Italiener gelten wie Hispanics und Juden als Bürger zweiter Klasse. Dieser Typ wird jetzt also in Seide eingepackt und mit einer Silberprägung versehen, und dann ab in den Schuber und rein ins Regal, dort, wo die anderen teuren Folianten stehen.

Sinatra, ein Buch für 500 Dollar.

Am 12. Dezember wäre er hundert geworden, der Jubiläumsrummel ist in vollem Gange, dazu gehört auch diese Luxusausgabe des berühmten Essays Frank Sinatra ist erkältet. Der amerikanische Reporter Gay Talese hat ihn 1969 geschrieben, ein Standardwerk des modernen Journalismus. Talese wird seinen Text am 3. Dezember im Strand Book Store in Manhattan vor ausgesuchtem Publikum noch einmal vortragen. Am Abend zuvor findet das All Star Grammy Concert zu Ehren Sinatras statt, Lady Gaga, Celine Dion, Usher – sie alle werden Interpretationen der großen Erfolge singen, und das ist eigentlich ein Missverständnis: Weil man Sinatra nicht interpretieren kann, denn er ist selbst schon ein Interpret und Übersetzer.

Es gibt keine Songs von Frank Sinatra, es gibt nur Songs, die Francis Albert Sinatra gesungen hat, in einer Weise, dass sie nun von ihm, seinem Stil und seinem Ausdruck nicht mehr zu trennen sind. New York, New York, My Way, Strangers In The Night – man hat sofort das Timbre im Ohr, markant, energisch, aber auch von schmelzender Eleganz und Lässigkeit. "The Voice" nannten sie ihn in den Sechzigern, als sei seine Stimme die einzig gültige zur Repräsentation Amerikas.

Und da ist man wieder beim großartigen Gay-Talese-Essay und der Frage, ob das nicht eine weitere Volte in der Biografie des Sängers ist: dass er heute als Premium-Edition ein Fall für die kulturbürgerliche Imagepflege darstellt, wo er doch als drahtiger Halbstarker angefangen hat, besessen von Ehrgeiz und ab den vierziger Jahren verehrt von Millionen.

Von Teenagern, die im Winter seine Schuhabdrücke gleich Reliquien aus dem Schnee Manhattans lösten und sie zu Hause im Eisfach konservierten. Von Filmstars, die sich ihm reihenweise hingaben, Ava Gardner, Mia Farrow, die Monroe, die Dietrich. Von Präsidenten, die ihn im Wahlkampf einspannten (und ihn wie John F. Kennedy übel brüskierten, was er mit einem Wechsel vom demokratischen ins republikanische Lager quittierte). Und von Komponisten, die um die Wette schrieben, damit ihre Stücke durch seine Stimme unsterblich würden. "He’s got it right" – er hat es getroffen, sagten sie dann, die Cole Porters, Irving Berlins und Johnny Mercers. "Damn, he’s got it right."

Sinatras erste Studioaufnahme ist vom 13. Juli 1939, seine letzte fand am 14. Oktober 1993 statt. Dazwischen veröffentlichte er 1.307 Einspielungen, gab 5.000 Konzerte, trat in 900 Fernseh- und Radioshows auf – Sony hat gerade eine opulente CD-Box mit den Rundfunksendungen der Jahre 35 bis 55 veröffentlicht. Er lernte 5.000 Songtexte auswendig, und wenn er in Las Vegas, im voll besetzten Sands-Casino auftrat, war sein erster Satz: "How did all these people get in my room?" Wie sind alle diese Leute in mein Zimmer gekommen?

Sinatra und seine Freunde durchzechten die Nächte

Der Gag war die Umkehrung seiner Grundidee: dass Kunst etwas Demokratisches ist, dass sie Dockarbeiter anspricht und Professoren, Zugereiste und Alteingesessene, Schwule, Heteros, Reiche und Arme. "Ich spiele für alle, egal, welcher Hautfarbe oder welchen Glaubens. Egal, ob nüchtern oder betrunken."

Trinkerscherze gehörten dazu, und sie tranken enorm viel, Sinatra und seine Freunde, Sammy Davis Jr., Dean Martin, Joey Bishop, Peter Lawford. Nach einer durchzechten Nacht mit Humphrey Bogart sagte dessen Frau Lauren Bacall, die Truppe hätte ausgesehen wie eine Rattenbande. Rat Pack – der Begriff setzte sich durch und verdrängte The Summit, das Gipfeltreffen. So wollte Sinatra, dass man ihn und seine Kumpane sah. Diese Einwandererkids aus armen Verhältnissen sollten die popmusikalische Regierung Amerikas bilden, aber geliebt wurden sie dann als Rattenbande, weil sie sich durchgebissen hatten, von ganz unten an die Spitze des Entertainmentgeschäfts.

Sinatra, der Everyman mit der Wunderstimme, von der Bruce Springsteen sagte, sie sei angefüllt mit "schlechten Manieren, Sex und dem traurigen Wissen über den Lauf der Welt": Ist er heute noch gut für eine globale Kommunion im Zeichen des Evergreens? Da sind die berühmten Swing-Nummern mit Count Basie, die Duette mit Ella Fitzgerald und Louis Armstrong, die riesige Audiothek der modernen Melancholie mit Platten wie Only The Lonely, All Alone und Point Of No Return – Werke, in denen der weiße, heterosexuelle Mann einer so grundlegenden Reflexion ausgesetzt wird, dass man eigentlich von Demontage sprechen muss.

Vielleicht genügt aber auch eine einzelne Platte: September Of My Years, veröffentlicht im Dezember 1965. Der Song It Was A Very Good Year, geschrieben von Ervin Drake, der im Januar dieses Jahres starb. Die Streicher schmachten, die Harfe trippelt durch den Vers, und Sinatra singt: "When I was thirty-five, it was a very good year / It was a very good year for blue-blooded girls / Of independent means. / We’d ride in limousines / Their chauffeurs would drive / When I was thirty-five."

Milieustudie, Inspektion des eigenen Begehrens, ein Kommentar zur Verbindung von Emanzipation und Klassenzugehörigkeit, alles in vier Zeilen, orchestriert mit einem Sound, der an Bernstein und Grieg ebenso erinnert wie an Vaudeville-Kaschemmen und Revue-Theater. Fünfzig Jahre alt ist dieser Song. Auch ein Jubiläum. Und ein Geschenk des Jahrhunderts.