Ich weiß noch, dass ich nach drei Stunden auf die Uhr sah. So lange saß Martin schon in meinem Wohnzimmer, hielt einen seiner mäandernden Monologe nach dem anderen und wackelte mit den Zehen. Wenn mal seine Freundin das Wort ergriff oder gar meine Frau redete, schaute er gelangweilt zur Decke oder ließ den Blick verliebt auf seinen manikürten Zehen ruhen. Ich erinnere mich noch, dass ich mich fragte, was zum Teufel los ist mit dem Typ.

Fünf Tage zuvor war meine Tochter zur Welt gekommen. Sie schlief im Nebenzimmer. Es war Martins erster Besuch nach der Geburt, und er hatte in drei Stunden keine einzige Frage zu diesem Ereignis gestellt. Wenigstens ein bisschen Interesse hätte er heucheln können, aber er war kein Heuchler. Auch das hatte ich eigentlich immer an ihm gemocht.

Dieser Text stammt aus "Z – Zeit zum Entdecken", dem neuen Ressort der ZEIT.

Dann aber streckte er mit einem ungeduldigen Seufzer sein Bein aus, krempelte die Hose hoch, streckte mir seinen Fuß entgegen und wackelte wieder mit den Zehen. Ob ich denn nicht endlich seine neuen Sandalen würdigen wolle? Handgefertigt! Aus dem Leder einer marokkanischen Ziege!

Das war’s dann.

Kein Wort zu dem Wunder im Nebenzimmer. Okay, vielleicht war er nur unbeholfen. Aber mich umgekehrt für seine verdammten Sandalen interessieren zu müssen – allein die Erinnerung an diesen Abgrund an Achtlosigkeit treibt mir noch heute das Adrenalin in die Adern.

Das war der Moment, in dem ich eine einst kostbare Freundschaft nach 15 Jahren wie eine Vase aus den Händen gleiten ließ. Ich mochte sie einfach nicht mehr halten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

Vermutlich hätte ich "Gras über die Sache wachsen" lassen sollen. Womöglich hätte ein "klärendes Gespräch" alles bereinigt. Wir hätten "ins Reine" kommen oder uns eines der vielen anderen Werkzeuge bedienen können, die zur Reparatur unwuchtiger Freundschaften bereitliegen. Martin hatte sich ja nicht verändert, er hat mir nichts angetan. Es lag an mir. Ich war nicht mehr der Freund, der ein solches Gespräch hätte suchen wollen.

Dann vielleicht doch besser: ein klarer Bruch. Aber wie kann der aussehen? Stellen wir uns Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine im Frühjahr 1999 vor: "Hör mal, Gerd, seit einer ganzen Weile bereitet mir deine Sozialpolitik irgendwie Bauchschmerzen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass du mir nicht richtig zuhörst. Ich schlage vor, wir lassen unsere Freundschaft ruhen. Was meinst du?"

"Jetzt, wo du’s sagst, Oskar, eigentlich trennen uns Welten!"

"Also, leb wohl, Gerd!"

Es gibt viele kluge Pflegetipps für die Freundschaft, als wäre sie eine Zimmerpflanze oder ein Aquarium. Ist sie aber nicht. Eine Freundschaft, die ich als Pflegefall betrachte, ist keine Freundschaft mehr. Zwecklos, eine Leiche schminken zu wollen.