"Erst in dem Doppelbereich / Werden die Stimmen / Ewig und mild": Präziser als mit diesen Rilke-Versen lässt sich die späte Musik des 80-jährigen Georgiers Giya Kancheli kaum beschreiben. Die Milde jedoch muss immer neu erkämpft und erlitten werden, damit sie sich einzustellen vermag. Schon die Titel der beiden von Gidon Kremer, Patricia Kopatchinskaja und der Kremerata Baltica eingespielten Werke legen deren Grundstruktur dar. Chiaroscuro ("Helldunkel") für Violine und Kammerorchester, geschrieben 2010, ist verhaltener im Charakter, gleichsam abgelöster; Twilight ("Zwielicht") hingegen für zwei Violinen und Kammerorchester von 2004 gibt sich diesseitiger, ja weltlicher. Zwei höchst intime Selbstgespräche.

Überraschungen hält Giya Kancheli keine bereit, doch sein Mut, nach innen zu gehen, hat für uns heutige Realisten etwas Schockierendes. In sieben Symphonien und etlichen Einzelwerken ist der 1991 aus Georgien emigrierte Komponist diesen Weg bislang gegangen. In den hier vorgelegten Spätwerken jedoch findet das grundständig Trauernde seiner Musik einen noch umfassenderen Bezug: als gelte es dem Kosmos überhaupt. Es geht hier nicht um Musik, die es im Blick auf ihre Mittel zu analysieren gilt; sie ist ebenso alt wie neu und erinnert in ihrer Intensität am ehesten an die letzten Werke Schostakowitschs, des Schmerzensmanns der Sowjetunion. Vielmehr ist es Kancheli um die Evokation einer Stille zu tun, mit der er, so sagt er selbst, aller "Indifferenz" entgegensteht.

Zahlreiche Musiken aus seinem Œuvre sind ganz ausdrücklich Gebete. Chiaroscuro wie Twilight wollen das Transzendieren musikalisch erfahrbar machen, von Kremer und Kopatchinskaja, den beiden Solisten, geradezu betörend gespielt: Jenseitige Klangfelder werden hörbar und bestürzen vor allem im Ersterben jenes Hörbaren. Dagegen stehen massive Einbrüche eines rohen Außen, Angstfiguren, mit denen Kancheli unsere Realität als fatale, kaum mehr erlösbare Weltgeschichte reflektiert.

Tief verwurzelt im Ton seiner georgischen Heimat und seit fast zwei Jahrzehnten in Antwerpen lebend, bezeichnet Kancheli seine Musik stets als "traurig" und "einfach" – weil sie niemals so "mild" sein darf, wie er sie sich wohl erträumt. Wer echte Selbstinspektion möchte, kann sie beim späten Kancheli finden.