Hätte er eine schwarze Robe an, man könnte Stephan D. für einen der Verteidiger halten. Während die Mitangeklagten Dreadlocks und Piercings tragen, hat der 31-Jährige die kurzen Haare über der Stirn nach hinten gekämmt. Er trägt einen hellblauen Wollpullover, oben lugt der Kragen eines weißen Hemdes heraus. Er sieht nicht aus wie einer aus der linken Szene, schon gar nicht wie ein Militanter. Aber Stephan D. soll der Protagonist einer neuen Stufe der Eskalation zwischen linken Aktivisten und der Polizei sein. Es geht aus Sicht der Staatsanwaltschaft um nicht weniger als versuchten Totschlag.

Es ist der Abend des 26. August 2014. Bereits seit einigen Tagen beobachtet die Polizei, dass Linksaktivisten aus ganz Deutschland nach Hamburg reisen. Die Squatting Days, eine Art Aktionswoche von Hausbesetzern, sollen in zwei Tagen beginnen. Am späten Abend erhält die Polizei einen Anruf: Eine Gruppe von Aktivisten habe in der Breiten Straße in Altona ein leer stehendes Haus besetzt. Offenbar geht die Aktionswoche schon früher los.

In den vergangenen Jahren haben Aktivisten in Hamburg immer wieder Häuser besetzt, meist waren die Aktionen nur von symbolischem Charakter. Trotz Wohnungsnot stehen viele Gebäude leer, das ist das Signal, das die Besetzer aussenden wollen. Es kommt bei diesen Aktionen häufig zu kurzen Verhandlungen mit der Polizei, dann zu Räumungsdrohungen und schließlich dem Abzug der Besetzer.

Im August 2014 aber ist es anders. Der Gruppe in der Breiten Straße geht es nicht um Symbolik, sondern um Militanz, die Aktivisten wollen das Haus gegen die Polizei verteidigen. In jener Nacht wurde eine bis dahin unausgesprochene Grenze überschritten.

Als die Polizei eintrifft, haben sich die Besetzer schon verbarrikadiert. Die Aktivisten versuchen, Verhandlungen über die Häuser zu erzwingen, aber die Einsatzleitung ordnet die Räumung an. Die Stimmung heizt sich auf, die Polizei setzt Ultimaten, erste Gegenstände fliegen aus dem Fenster. Es folgen Drohungen und Gegendrohungen, bald werfen die Besetzer Feuerwerkskörper aus dem Haus.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Irgendwann, so wird es später in der Anklageschrift stehen, zerschlägt einer der Besetzer im dritten Stock ein Waschbecken und wirft die Porzellanbrocken direkt auf Polizisten. Später fliegt auch eine Holztür aus dem vierten Stock. Mitten in der Nacht räumt die Polizei das Haus schließlich, zu diesem Zeitpunkt sind bereits mehrere Beamte leicht verletzt.

Es ist eine Nacht gegenseitiger Provokation. Wie aufgeheizt die Stimmung ist, lässt sich jetzt auch im Prozess erleben. Etwa zwanzig junge Männer und Frauen sind Anfang der Woche in den Saal 237 des Landgerichts gekommen, um die Angeklagten zu unterstützen. Sie lachen, höhnen, kommentieren jede Äußerung des Richters mit einem Kopfschütteln. Die Botschaft ihrer Inszenierung ist klar: Die Staatsgewalt, das Strafgericht, diese Institutionen schüchtern uns nicht ein.

Schon am ersten Verhandlungstag im August ließ der Richter den Saal räumen. Im Oktober randalierten daraufhin 20 bis 40 Unbekannte vor dem Oberlandesgericht und hinterließen nach Polizeiangaben einen Flyer mit Bezug zum Hausbesetzer-Prozess.