Eine Bedingung habe er für den Fototermin, hatte Jorge González mitteilen lassen. Seine Stylistin müsse engagiert und von der ZEIT bezahlt werden – damit Haare und Make-up sitzen. Darauf ließen wir uns ein. Aussehen ist wichtig für den 48-Jährigen: Die Karriere des Kubaners begann bei "Germany’s Next Topmodel", wo er den Laufsteg-Trainer gab. Seitdem hat sich González zu seiner eigenen Marke geformt. Vor der Kamera ist er der aufgedrehte Alleinunterhalter, im Interview hingegen wirkt er abgeklärter und berichtet von seinen Erfolgen als Designer für die Otto-Tochter Bon Prix, als Coach in seiner Hamburger Chicas Walk Academy – und bald als Hotelier in seiner sozialistischen Heimat.

DIE ZEIT: Herr González, wie viel verdient man so als Heidi Klums Laufsteg-Trainer?

Jorge González: Ich habe ganz gut verdient , ich kann nicht meckern. Aber Zahlen nenne ich ungern, hier in Deutschland ist es doch eher ein Tabu, über Geld zu sprechen.

ZEIT: Redet man in Kuba, wo sie aufgewachsen sind, offener über Geld?

González: Das ist eine andere Welt. Ein sozialistisch-kommunistisches Land. Als ich dort gelebt habe, hat Geld keine spürbare Rolle gespielt. Es war für uns Papier ohne Wert.

ZEIT: Womit verdienen Sie momentan Ihr Geld?

González: Mit dem Produkt Jorge. Ich habe das Glück, so sein zu dürfen, wie ich bin. Damit konnte ich zur Marke werden. Zum Glück habe ich so viele Facetten, dass ich in vielen Bereichen etwas bieten kann. Im Entertainment bin ich offenbar momentan gefragt, und dafür werde ich bezahlt.

ZEIT: Was macht die Marke Jorge aus?

González: Lebensfreude und Menschlichkeit. Ich bin in einer großen kubanischen Familie aufgewachsen. Lachen, Spaß an Kommunikation, Verständnis für andere Menschen waren Werte, die ich vermittelt bekommen habe. Auch wenn ich schon lange in Deutschland lebe, vergesse ich nie, was für mein Leben wichtig ist. Geld natürlich, aber das stand nie an erster Stelle.

ZEIT: Haben Sie auf Kuba Armut erlebt?

González: Überhaupt nicht. Bis zur Krise in den Neunzigern hatten wir nie das Gefühl, dass uns etwas fehlt. Meine Großmutter lebte in einem Haus aus der spanischen Kolonialzeit. Hätte damals jemand gefragt, was Luxus sei, ich hätte geantwortet: Das Haus meiner Oma. Für uns waren die Menschen wichtig, Gefühle, tanzen, zusammensitzen. Dinge, die nichts kosten.

ZEIT: Hatten Sie damals eine Vorstellung vom Kapitalismus?

González: Ich habe die ersten 17 Jahre auf Kuba gelebt, da wurde mir eingetrichtert: Die Imperialisten sind alle kriminell und unsere Gegner. Ich hatte richtig Angst, als ich das erste Mal nach Europa kam. Doch diese Angst hat sich schnell gelegt, als ich im Kapitalismus angekommen war.

ZEIT: Wann haben Sie zum ersten Mal davon geträumt, außerhalb Kubas zu leben?

González: Als ich fünf Jahre alt war. Ich habe früh entdeckt, dass ich homosexuell bin. Kuba war damals ein sehr machistisches Land, schon als Kind hatte ich Angst, dass ich deswegen meine Familie verlassen muss. Meine Tante hat mir damals viel über die Tschechoslowakei und Kafka vorgelesen. Ich dachte eine Zeit lang, Kafka wäre mein Onkel. Die Tschechoslowakei hat sich zu einem Wunschtraum entwickelt. Mit 17 bin ich deswegen zum Studium nach Bratislava.

ZEIT: Dort haben Sie sechs Jahre lang Nuklearökologie studiert. Wie haben Sie sich finanziert?

González: Ich habe gearbeitet, obwohl wir kubanischen Studenten das nicht durften. Meine Familie konnte mich nicht unterstützen. Samstags habe ich morgens in einer Fabrik Schrauben in Kühlschränke gedreht und dann bis abends in einem Restaurant gekellnert. Danach bin ich in den Club, wo ich als Tänzer gearbeitet habe. Und sonntags habe ich in der Landwirtschaft gearbeitet.

ZEIT: Wie konnten Sie auf diese Weise ins Showgeschäft geraten?

González: Im November 1989 endete der Kommunismus, Coca-Cola kam in die Tschechoslowakei. Die suchten für den ersten Werbespot des Landes ein Paar, das Lambada tanzen kann. Sie wollten natürlich etwas mulatta – und ich war so ziemlich der Einzige, der infrage kam. Ich dachte: Ich kassiere das Geld und fahre zurück nach Kuba, bevor meine Regierung etwas von dem kapitalistischen Clip mitbekommt. Doch der Spot lief früher, ich bekam große Schwierigkeiten. Die wollten mich zurückholen. Der neue Präsident der Slowakei hat mir dann politisches Asyl angeboten.