Ein so schönes Wort. Mitgefühl, mit M, M wie in Mama. Der Wunsch nach Mitgefühl ist ein Urwunsch, aufsteigend aus dem Urschlamm unserer Kleinkindseele, und er haftet an. Das Verlangen, gesehen und verstanden zu werden, erfüllt sich nur, wenn das Gegenüber fähig ist zur Empathie, sich einfühlen kann in uns, Verständnis entwickelt für das, was wir sind und brauchen. Wird oft enttäuscht, der Wunsch nach diesem Verstandenwerden. Wo es an Empathie mangelt, wird jede Begegnung schal. Empathie ist der Stoff, der eine Horde zur Gesellschaft befähigt. Die amerikanische Autorin Leslie Jamison hat in vielen brillanten Essays das Wesen der Empathie umrundet, die Lektüre setzt im Kopf einen Kreisel in Gang, man kann gar nicht mehr aufhören, über Mitgefühl und Empathie nachzudenken, darüber, was Empathie ist, ob von der Natur gegeben oder als kulturelle Geste geformt, wie viel wir davon brauchen oder wollen, von wem. Kleine Studie. Ich sitze in einem Café, gleich werde ich Leslie Jamison hier treffen, untypischerweise bin ich sehr viel zu früh. Ich beobachte die Menschen, ich stelle mir vor, welcher dieser jungen Leute in diesem Studentencafé wohl dieses Empathie-Gen hat, das Jamison in ihren Essays so virtuos in Anwendung bringt, ja rigoros austestet, wenn sie etwa Menschen begegnet, die an mysteriösen Krankheiten leiden, oder einen besucht, der unschuldig im Gefängnis sitzt.

Also wer? Schwer zu sagen, wer Mitgefühl triggern könnte oder empathiefähig wäre. Die Leute gucken auf Displays, die klein in ihrer Hand liegen oder groß zwischen ihnen aufragen wie Trennwände. Was nichts Ungewöhnliches ist, das Café liegt im Eingang von Dodge Hall, auf dem historischen Campus der Columbia University in New York, wo Jamison Literatur lehrt. Herrliches Gebäude, vierstöckig, hier wohnen die Künste. Ungewöhnlich ist nur dieses eine Paar. Große, schlanke Frau, sie überragt um Haupteslänge den älteren Mann, der ihr vorausgeht, er ist der gemütliche Typ und sie ein langhaariges Wesen, sehr ungeschminkt, sie wirkt fast rohhäutig. So ungefähr stellt man sich Leslie Jamison vor.

Sie setzen sich. Er kann den Blick nicht von ihr wenden, wie muss sie sich von ihm wahrgenommen fühlen! Was sieht er in ihr, während ihre Hände verständnisheischend zu ihm ausfahren wie wedelnde Fächer, mit langen Fingern, die an den Spitzen ein wenig frostig aussehen? Auch ihre Nase ist leicht gerötet, anrührend irgendwie. Und kein Wunder, in Böen schwappt der Herbst kalt herein, wenn die Tür aufgeht und wieder zu. Sieht der Typ, dass sie friert? Wie sie ihre alte Strickjacke immer wieder über das viel zu dünne, viel zu tief ausgeschnittene Hemdchen zieht. Hups, das war jetzt mein Mama-Gen.

Dreißig Minuten sind um, wo also bleibt Jamison? Die kleine Empathie-Vorstellung neigt sich ihrem Ende zu, die junge Frau verabschiedet den Herrn. Blickt sich dann um, unsere Augen verhakeln sich – da ist klar: Die Empathie-Lady ist Leslie Jamison! Hallo und na so was!

Später, wir sitzen im dritten Stock in einem Raum, in dem drei leere Schreibtische für junge Lehrkräfte stehen, sagt sie: "Ich bin jetzt ja nicht die Empathie-Lady, für die mich neuerdings alle halten, auch wenn ich Vorträge vor Medizinern und Pharmakologen gebe." Jemand, der Essays schreibe, sei per Definition des Essays kein Experte von irgendwas. Liege der Gestus des Essays nicht darin, Konzepte auseinanderzunehmen?

Es sind literarische Essays, die Leslie Jamison mit 32 Jahren berühmt gemacht haben, obwohl sie als Belletristik-Autorin schon 2010 Aufsehen erregte, mit ihrem ersten Buch, The Gin Closet. Der Roman erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die ihr Leben unterbricht, um sich ihrer siechen Großmutter zu widmen. Trotz ihres Ekels über den klapprigen, undichten Körper. Und die sich nach deren Tod auf die Suche nach einer Tante macht, die der Familie verloren ging und sich selbst, sie wird in einem versifften Trailer aufgefunden. The Gin Closet wurde von der Kritik gefeiert. Bestes Debüt des Jahres! Die Essays von Jamison setzten sich dann nach Erscheinen im Jahr 2014 mühelos an die Spitze der Bestsellerliste der New York Times. Es sind geradezu unterhaltende Texte, Reportagen, Nachdenkstücke, Annäherungen etwa an Extremmarathon-Läufer, die, alle Schreie ihrer gemarterten Körper ignorierend, sich durch Dornengebüsch quälen, Texte, die nach der politischen Entwicklung in einem Land fragen, das immer mehr Menschen in Gefängnissen wegschließt und für mitfühlende Blicke unsichtbar macht. So wie einst die Sklaven im Land unsichtbar waren. "Mama", habe ihre kleine Tochter gerade gestern gefragt, "wieso ist Thomas Jefferson auf unseren Dollars, wenn er doch ein Sklavenhalter war?" Die Unterdrückung von Empathie haben heute natürlich die Krieger des IS zur Perfektion gebracht.