Gerade wer die Menschenrechte beim aktuellen Flüchtlingsdrama ernst nimmt und unbedingt wahren will, muss sich jedoch wundern, dass das ZPS in der Not nicht etwa mit anderen Gruppen zusammenarbeitet, um mehr zu erreichen. Im Gegenteil: Bei Vorträgen von Ruch oder seinen Mitstreitern hagelt es regelmäßig abfällige, gar hämische Bemerkungen etwa über Amnesty International: Die seien zu angepasst, hielten sich bürokratisch an die Gesetze. So lasse sich die "Armseligkeit" der Welt nicht aufbrechen, das sei nur durch "das Erdbeben der Schönheit" möglich: "Einmal losgetreten, hält nichts und niemand dieses Beben auf. Schönheit ist das Erdbeben unserer Existenz. Danach langweilt einen, was auf dieser Welt sicher ist."

Solche Sätze aus Ruchs Manifest klingen einmal mehr wie ein Nachhall der langen Tradition des Antimodernismus. In ihm ist die Verklärung von Ausnahmezuständen ein festes Motiv, denn darin soll sich das Schöne im Sinne des Großen und Heldenhaften zeigen. Figuren wie Nietzsche, Heidegger, Ernst Jünger, Carl Schmitt huldigten auf jeweils andere Weise dem Ausnahmezustand. In ihm sind die Gesetze aufgehoben, Kraft und Wille können sich Bahn brechen und alles neu schaffen. Es ist die Zeit der Genies, der Einzelnen, der ganz Großen. Ruch lässt in seinem Manifest keinen Zweifel, dass er sich selbst für einen solchen ganz Großen hält.

Mit ihm, dem ZPS und dessen "schönen Taten" bekämen die Menschen ein Vorbild. Da jeder "auf Beispielgebung wartet", könnten einzelne Menschen enorme "Wirkmächtigkeit" entfalten und gleichsam ganz allein die Geschichte machen.

Wenn Ruch schreibt, es gelte, die gegenwärtige "Trockenphase der Weltgeschichte [...] mit Schönheit zu tränken", wird aber auch klar, dass seine Gedanken mehr um seinen Nachruhm als um das Schicksal von Flüchtlingen kreisen. Die "wirklich wichtigen Fragen" lauten für ihn, so ehrlich ist er immerhin: "Wofür will ich einmal stehen? Welches ist die größte Tat, mit der mein Name einst verbunden werden soll?" Dieses Verlangen nach eigener historischer Bedeutung ist aber nur die Kehrseite der Kränkung, die Ruch allseits empfindet. In seinem Antimodernismus kommt jene "Größensucht", ja ein unersättlicher Geltungsdrang zum Ausdruck.

Das wird noch deutlicher, wenn man sein Manifest mit anderen modernekritischen Texten vergleicht. Günther Anders etwa beklagt zwar ganz ähnlich die "Antiquiertheit des Menschen", reagiert darauf aber nicht als Gekränkter, sondern mit der genauen Beschreibung dessen, was er "prometheische Scham" nennt: Da die Menschen von immer leistungsfähigerer Technik umgeben seien und sich im Vergleich dazu minderwertig vorkämen, fühlten sie sich beschämt. Und so entwickelt Anders, statt sich Selbstmitleid und Dünkel hinzugeben, aus dem Schambegriff heraus eine Deutung verschiedener Phänomene des menschlichen Umgangs mit Maschinen, Medien und Massenprodukten. Das mag kontrovers sein, wirkt aber auch nach 60 Jahren ungleich lebendiger und aktueller als Ruchs Manifest.

An ihm verwundert nicht nur, dass er – der Ideenhistoriker! – die Vorgeschichte seines Antimodernismus unerwähnt lässt, um sich als solitären Denker darzustellen, sondern dass er sich nicht einmal Mühe gibt, alte Gedanken zeitgenössisch aufzubereiten. Wie dieser Text von einem 34-Jährigen stammen kann, ist erstaunlich, da nichts darin von jüngsten Themen und Diskursen geprägt ist: dass politisches Handeln sich durch Internet und Social Media verändert? Dass der Mensch auch von Klimakatastrophen bedroht sein könnte? Dass die Gleichberechtigung der Geschlechter keineswegs erreicht ist? Kein Wort davon. Wenn Ruch von Medien spricht, dann von den "Hauptnachrichten" im Fernsehen (in denen mehr Opfer gezeigt werden sollen), und sein Beispiel für etwas, das uns "täglich begegnet", aber doch nicht recht verstanden wird, ist allen Ernstes, "wie Gas eine Laterne zum Leuchten bringt".

Genauso altmodisch ist Ruchs Vokabular. Mag man es noch für ein reizvolles Experiment halten, Begriffe wie Stolz und Ehre neu auf ihre Verwendbarkeit zu prüfen, so wundert man sich doch über Wörter wie Völker oder Abendland, zumal Letzteres offenbar nicht in Abgrenzung zu Pegida reklamiert wird. Eine Vorliebe hat Ruch ferner für martialische Metaphern. Immerzu detonieren Bomben, wird ausradiert und zum Einsturz gebracht. Das ist ermüdend und erschreckend zugleich, und mochte man die schneidige Sprache, die auch die Aktionen des ZPS dominiert, bisher für künstlerische Übertreibung halten, so ist spätestens jetzt klar, wie wörtlich alles gemeint ist. Philipp Ruchs Text ist kein dadaistisches Pamphlet und keine literarische Fantasie. Er ist das Manifest von einem, der mit aller Gewalt in die Geschichte eingehen will.

Lesen Sie hier die Replik von Philipp Ruch auf Wolfgang Ullrichs Artikel.