Sie sieht, sie hört, sie lebt – Seite 1

Wenn meine Straße weiß, wer ich bin. Wenn sie an meinen Schritten gleich erkennt, wie es mir geht. Wenn die Laterne ein wenig heller scheint, um mich aufzumuntern. Wenn auch die Ampel es mir recht machen will und gleich auf Grün springt, weil sie meine Termine kennt und also weiß, wie spät ich mal wieder dran bin. Wenn ich mich bestens versorgt fühlen darf, weil die ganze Stadt sich mir zuneigt. Dann hört sich das an wie ein furchtbar verkitschter Traum und ist doch genau das, was vielerorts gerade zu einer neuen Wirklichkeit heranwächst. Architekten, Planer, Computerkonzerne, sie alle greifen nach einer Zukunft, in der sich niemand mehr bedroht und niemand sich verloren fühlen muss. Sie bauen auf die letzte große Utopie der Moderne, auf die kluge, allwissende Smart City.

Schon seit einiger Zeit kursiert das Zauberwort und wurde meist milde belächelt. Welchen Sinn sollte es haben, jedem Zebrastreifen das Sehen und jedem Poller das Hören beizubringen? Eine Stadt voller Augen und Fühler, von einem riesigen Computerhirn behütet und gesteuert, wozu sollte das gut sein? Mochten die Freunde der Smart City noch so sehr von Effizienz und Optimierung schwärmen, davon, dass nur in der intelligenten Stadt ein klimaneutrales Dasein möglich werde –ihre Ideen wollten nicht recht verfangen. Zu kompliziert das Ganze, zu teuer, zu größenwahnsinnig. Jetzt aber, im Zeichen eines anderen Größenwahns, weichen alle Vorbehalte. Die Smart City gerät zur neuen Anti-Terror-Utopie.

Vorige Woche, drei Tage nach den Anschlägen von Paris, trafen sich Programmierer und Planer, kleine Tüftler und mächtige Bürgermeister in Barcelona auf einer Messe, um sich gegenseitig ihre Ängste zu schildern – und die Chancen des digitalen Zeitalters zu beschwören. Asymmetrische Kriege, das wussten sie zu berichten, werden eben nicht nur in irgendwelchen fernen Ländern geführt, sondern auch hier, in den Einkaufsstraßen, Boulevards und Wohnquartieren. Die Stadt der Gegenwart erweise sich als verletzlicher Körper, man müsse ihn rüsten, müsse ihn schlau, müsse ihn smart machen. Eine bessere Alternative gebe es nicht.

Auf der Messe in Barcelona, der weltgrößten ihrer Art, drängelten sich die meisten Besucher nicht zufällig dort, wo die Zukunft der sicheren Stadt dargeboten wurde. Kameras, die so gut wie jeden am Gesicht erkennen, auch wenn er sich gerade eine dicke Hornbrille zugelegt hat. Drohnen, bestens geeignet, um flüchtende Verbrecher bis in Hinterhöfe und Tunnel zu verfolgen. Straßenlampen, die jedes hysterische Schreien, jeden Schuss registrieren und gleich die Polizei alarmieren. Wer will, kann sich den Smart Alarm auf sein Smartphone senden lassen, inklusive Anleitung für den besten Fluchtweg.

Hätte es das alles in Paris schon gegeben, viele der Opfer wären noch am Leben und die Täter längst geschnappt. So erzählte man es sich an den Messeständen, und manch einer geriet geradezu in Rage: dass sich die Städte jetzt endlich verbünden müssten! Und endlich erproben, was möglich sei: Sensoren, die Sprengstoff aufspüren. Kameras, die Waffen entdecken. Mülleimer, die sofort registrieren, wenn irgendetwas Gefährliches hineingeworfen wird. Computerprogramme, die jedes verdächtige Verhalten erkennen. Allein so sei noch zu retten, wofür die Stadt seit je gepriesen wird: das urbane, freiheitliche Leben.

In Berlin, auch in Hamburg und vielen weiteren deutschen Städten gibt es schon heute Lenkungsgruppen und Sonderprogramme, um dem städtischen Körper gründlich den Puls zu nehmen und die Smart City voranzutreiben. In der EU sollen möglichst rasch zehn Millionen hochgerüstete Straßenlaternen installiert werden, die nicht nur stromsparend leuchten, sondern auch als Datensammler dienen: Wie warm ist es gerade? Wie verdreckt ist die Luft? Wie viele Autos fahren vorbei? Und wer sind die Menschen, die hier vorbeigehen? Folgen sie dem üblichen Trott, oder sind sie besonders zappelig, sind sie nervös?

Noch verbieten es europäische Gesetze, die Stadt in einen breiten, nie abreißenden Datenstrom zu verwandeln. Noch heißt es, die Smart City diene vor allem dem Umweltschutz, weil der Verkehr besser geregelt wird, weil freie Parkplätze automatisch erfasst werden, weil zugemüllte Container automatisch melden, dass sie dringend geleert werden müssten. Doch auch ohne den Terror, der die Gemüts- und schließlich die Gesetzeslage verändern dürfte, gehorcht die Smart City einem totalitären Impuls. Beherrschbarkeit heißt ihr wichtigstes Versprechen.

Im Grunde folgt sie den Prinzipien der barocken, absolutistischen Stadt, in der sich alles Leben auf den Herrscher auszurichten hatte und also das Geflecht der Straßen strahlenförmig auf das Schloss zulief. Von allen gesehen zu werden und alle im Blick zu haben, das war das Vorrecht des Königs. In der Smart City erübrigen sich symbolische Inszenierungen, der urbane Leib wird von größeren Operationen verschont. Nicht in sichtbaren Formen der Architektur beginnt die Stadt ihr neues Leben. Die Umpolung erfolgt subkutan: mittels winziger Detektoren und unsichtbarer Funkwellen. Das Schloss von heute, die große Datensammelstation, kennt niemand. Es verbirgt sich meist in den gesichtslosen Gefilden der Vorstadt oder gleich jenseits nationaler Grenzen.

Die Smart City verspricht ein Ende des Herumwurschtelns

Das Regime der Smart City kennt kein Zentrum im herkömmlichen Sinne. Es kennt nicht den einsamen Diktator, der allwissend irgendwelche Knöpfe drückt und Schalter umlegt. Und gerade das lässt die durchdigitalisierte Stadt so begehrenswert erscheinen: Sie weiß sich selbst zu regeln. Sie zieht niemanden zur Verantwortung. Sie entlastet.

Wenn erst alle Seinsweisen und Erscheinungsformen ausgelesen werden können, wenn sie sich messen und in Datensätze verwandeln lassen, dann können sich die Dinge untereinander belehren. Dann kommen sie ins Gespräch darüber, wie der Stau aufzulösen, wie der Smog zu lichten, wie der drohende Terroranschlag zu verhindern sei. Und weil Maschinen, wer wollte es leugnen, tendenziell klüger sind als Menschen, weil vor allem viele Maschinen klüger sind als viele Menschen, verspricht die Smart City ein Ende des heute noch üblichen Herumwurschtelns. Das urbane Leben ist so komplex geworden, so überladen mit Baunormen, überfrachtet mit Sicherheitsbestimmungen, dass nur einer noch das selbst erzeugte Chaos beherrschen kann: der Supercomputer namens Stadt.

Vermutlich wird die Hoffnung aufgehen, sobald sich in nicht allzu ferner Zukunft die Künstliche Intelligenz ihre Programme selber schreibt. Sobald auch das Internet der Dinge sich so weit entsponnen hat, dass alles mit allem in Austausch tritt und also die Bordsteinkante dem heranrollenden, fahrerlosen Bus zufunkt, dass gerade ein Kind auf die Straße läuft, und also die Bremse anspringt und alles gut ausgeht. Ganz so weit sind die Entwickler noch nicht, besonders fern aber, auch das ließ sich auf der Messe in Barcelona lernen, ist diese Zukunft einer mitdenkenden, mitfühlenden Stadt keineswegs. Je kleiner, je raffinierter die Computer werden, desto eiliger rückt sie heran – und desto lauter tönen zugleich Vorbehalte und Skepsis.

Denn was wäre das für eine Freiheit, in der die Stadt rundum ausgespäht und ausgeleuchtet werden muss? War nicht Anonymität die gefeierte Errungenschaft der Großstadt? Ist es nicht ihr Versprechen, dass ein jeder darin abtauchen darf, um unkontrolliert seinen Interessen nachzugehen, wie auch immer sie geartet seien? Bedeutet Smart City also nichts anderes als Verdörflichung? Eine provinzielle Form der Technikgläubigkeit? Und also das Ende der Urbanität?

Viele dieser Endzeitrufe wurden bereits laut, als vor gut zehn Jahren die vergleichsweise simple Überwachung durch Kameras ausgeweitet wurde und auf Bahnhöfen und dicht bevölkerten Plätzen plötzlich Dritte zuschauten, ohne dass je klar gewesen wäre, wer diese Dritten eigentlich sind. Künftig werde sich das städtische Leben nicht mehr frei entfalten können, hieß es damals. Die Menschen würden in ihrem Verhalten normiert. Der Gewinn an Sicherheit werde überschattet durch den Verlust an Freiheit. Heute stellt man fest: Die düsteren Vorhersagen haben sich nicht erfüllt. Im Gegenteil, auf vielen Straßen und Plätzen drängt sich heute das öffentliche Leben, es entstehen neue, überraschende Spielformen der Urbanität. Für manche wird die Stadt fast zum zweiten Wohnzimmer, nicht zuletzt dank der digitalen Technik.

Sie ist es, die potenziell alle mit allen verbindet und die herkömmliche Trennung von Privatsphäre und Öffentlichkeit auflöst. So hat das Smartphone vieles vorbereitet, was die Smart City in ganzer Fülle entwickeln will. Lebt der Einzelne schon oft in dem Gefühl, immer erreichbar, immer vernetzt, immer rechtzeitig informiert sein zu wollen und zu müssen, so gilt das umso mehr für die alles verknüpfende Digitalstadt. Erst in ihr greift das Prinzip Big Data, der übervielen Messdaten, aus denen sich nicht allein der Status quo exakt bestimmen lässt. Auch eine andere, sehr alte Sehnsucht der Moderne soll sich erfüllen: die Zukunft endlich greifen zu können.

Es wäre nicht das Ende der Stadt, aber das der Kontingenz. Es wäre die Auflösung alles Fremden in ein vertrautes Bild von beherrschbarer Abweichung. Für eine Gesellschaft schließlich, die sich in lauter Partikularinteressen verliert, wäre es eine Möglichkeit, sich endlich wieder als ein Ganzes zu betrachten. In der Smart City tritt zusammen, was unvereinbar schien, gerade weil sich das bislang so unvorhersehbare Leben als weithin vorhersagbar erweisen soll.

Diese weiche, allgefällige Form von Totalitarismus wird sich durchsetzen, darauf deutet vieles hin. Und keineswegs ist ausgemacht, ob die Mehrzahl der Stadtbewohner das eher als Falle der Bevormundung begreifen wird oder als große Befreiung von Angst. Die digitale Technik verspricht alles zu regeln. Ebenso aber ermöglicht sie bislang unbekannte Formen individueller Selbstermächtigung. Für einen fatalistischen Blick auf die Smart City ist es daher zu früh.

Nur der Traum von der Unverletzlichkeit, das lässt sich sagen, wird sich gewiss nicht erfüllen. Vielleicht wird man in Zukunft keine dick verpackten Soldaten mehr brauchen, um die Bewohner von Brüssel, Paris oder Berlin vor den nächsten Salven der Terroristen zu schützen. In der Smart City wird man wissen, wer die Verbrecher sind und wo sie sich verstecken. Tote Leiber auf Asphalt dürften der Vergangenheit angehören, der Straßenkampf ist beendet. Oder besser: Er wird abgedrängt, hinein ins Virtuelle.

Denn hier, im Netz, findet der militante Nihilismus ein überreiches Angebot, um sich auszutoben. Und je smarter die Citys werden, desto attraktiver erscheinen die Ziele im weiten Reich der Daten. Das Bundesinnenministerium sprach bereits 2009 von einem Verletzlichkeitsparadoxon, denn mit der Zahl der Knoten- und Kontaktpunkte vermehren sich auch die potenziellen Schwachstellen. Am Ende reicht ein simpler Stromausfall, um einer Metropole allen Schutz zu rauben. Die empfindsame ist auch die empfindliche Stadt. Und so wird sich der Solutionismus, die so aufregende Vorstellung, alle Probleme lösen zu können, bevor sie überhaupt entstehen, rasch als Illusion erweisen.

Nicht einmal der Großkonzern Sony, nicht einmal der Bundestag, das hat sich jüngst gezeigt, sind gegen Cyber-Attacken so geschützt, wie man es vermuten könnte. Die Zahl der umlaufenden Schadprogramme wird schon heute auf über 250 Millionen geschätzt. So eifrig also viele Städte und erst recht Großkonzerne wie IBM, Cisco oder SAP den Verheißungen der Smart City folgen – sie täten gut daran, nicht nur an ihrer Software, sondern auch am Weichbild der Stadt zu arbeiten. Das soziale Dilemma lässt sich nicht wegdigitalisieren. Das Ringen um Recht und Gerechtigkeit lässt sich nicht maschinisieren. Gefordert sind gute, kluge Planer und Architekten, gefordert ist eine Stadt, die den Ausgegrenzten mehr bietet als nur die finsteren Betonghettos irgendwo in Suburbia. Der Streit um die richtige, die schöne Gestaltung ist mit Smartness nicht aufzulösen. Sie braucht den empfindsamen Menschen.