Der französische Philosoph Alain Finkielkraut nennt die Vorstädte von Paris seit Langem "die verlorenen Territorien der Republik". Als seien sie ein für alle Mal verloren, der Düsternis preisgegeben. Saint-Denis ist ein solches Territorium, in seinen Gassen tauchten mehrere Attentäter nach den Anschlägen von Paris unter, bis sie ihr Versteck, von der Polizei umstellt, in Schutt und Asche legten.

Aber muss das so bleiben? Oder kann eine Stadt solche Gegenden wieder zum Besseren wenden? Haus um Haus zurückgewinnen?

Stadtgesellschaften überall in Europa kennen solche hart umkämpften Gegenden, mal stehen dort Hochhaussiedlungen, mal sieht es aus wie in der übrigen Stadt, nur etwas abgewohnter, schlichter, schäbiger. Stets leben dort viele Einwanderer der ersten, zweiten, dritten Generation. In London ist es in Tower Hamlets so, in Brüssel sind es Villeforde und – mies, mieser, Molenbeek. Noch auf Jahre wird es als Brutstätte islamistischen Terrors gelten und es voraussichtlich auch sein.

Verglichen damit, geht es in deutschen Einwanderervierteln noch friedlich zu, und doch ist eine Eskalation erkennbar, zum Beispiel in Duisburg. Vor ein paar Tagen wurde im Innenausschuss des nordrhein-westfälischen Landtages darüber diskutiert, wie viel Verstärkung die Polizei in Marxloh brauche. Die Polizeigewerkschaft hatte den Stadtteil als "No-go-Area" bezeichnet – ein Begriff, der eigentlich für militärisches Sperrgebiet steht.

Tatsache ist: Wenn es dunkel wird in Marxloh, beginnt der Kampf um Respekt. Respekt, der irgendwann verloren gegangen ist. Streifenwagen schleichen langsam um die Blocks, Polizisten scannen mit ihren Blicken die jungen Männer, die an Straßenecken stehen und rauchen. Sie stoppen gelegentlich Passanten, Fahrradfahrer, durchsuchen Taschen. Und auch wenn die Polizei nichts findet – sie hat Präsenz gezeigt. Bereits seit Ende Juni entsendet das Innenministerium zusätzliche Hundertschaften. "Egal, in welchem Stadtteil, die Polizei geht in jede Straße und macht ihre Arbeit", sagt Ramon van der Maat, Pressesprecher der Duisburger Polizei. Aber er sagt auch, dass die Arbeit durch offenes Drohverhalten einiger Bürger erschwert werde. Selbst bei der Aufnahme von harmlosen Delikten sammele sich schnell eine aggressive Menschenmenge um die Beamten.

Schon in den vergangenen Jahren haben Gruppen bulgarischer und rumänischer Einwanderer für Probleme gesorgt, aber darüber hinaus fallen nun drei libanesische Großfamilien besonders negativ auf. 21 Angehörige einer dieser Familien haben nach Polizeiangaben in den vergangenen zwei Jahren mehr als 200 Straftaten begangen. Die meisten Täter seien junge Männer zwischen 14 und Ende 20. Diese Clans schüchterten auch andere Bürger ein, die Straftaten anzeigen wollten, sagt van der Maat. Platte Autoreifen oder zugeklebte Türschlösser sollen unterschwellig Angst verbreiten.

"Wir ahnden alles, schreiten sofort ein", und tatsächlich habe sich die Situation im Stadtteil spürbar beruhigt. Allerdings dämme die Polizei nur die Auswüchse ein. Die Ursachen lägen tiefer.

Auch Brüssel und Paris reagieren mit massivem Polizeieinsatz auf die aktuellen Krisen. In London ist seit den Anschlägen im Jahr 2011 sogar ein regelrechtes Meldesystem entstanden, prevent strategy genannt. Ziel ist es, die Radikalisierung junger Muslime früh zu erkennen. Terrorbekämpfung ist seither Aufgabe von Sozialarbeitern, Lehrern, Krankenschwestern, Ärzten, Universitätsangestellten und Gefängnispersonal. Jeder Brite im öffentlichen Dienst wird geschult, Anzeichen zu erkennen, wenn junge Muslime "die fundamentalen Werte des britischen Staates wie Demokratie, Meinungsfreiheit, Toleranz und Respekt anderen gegenüber aktiv infrage stellen".

Aber wie erobert man ein Territorium dauerhaft zurück – und gewinnt die Einwanderer gleich mit? Zu behaupten, es läge allein am Ausländeranteil, führt nicht sehr weit. In Saint-Denis, dem Rückzugsort der Pariser Attentäter, leben viele aus Afrika stammende Franzosen und dazu 21,4 Prozent Ausländer. Aber auch in Stuttgart haben 24,5 Prozent der Bürger keinen deutschen Pass, in München sind es 30 Prozent, und in den süddeutschen Landeshauptstädten ist der soziale Friede ziemlich intakt.

Städte miteinander zu vergleichen ist heikel. Jede hat ihre Geschichte, jede geht durch verschiedene Phasen. In Paris wurden nach dem Zweiten Weltkrieg die Italiener- und Portugiesenviertel erfolgreich in die Stadtgesellschaft integriert. Für die in den vergangenen Jahrzehnten gewachsenen Viertel mit arabischen Einwanderern sieht es jetzt aber schlechter aus.

Zugleich gibt es durchaus Dinge, die sich wiederholen, sie sind nur schwer herauszufiltern, denn, wie der amerikanische Soziologe Robert Sampson sagt, Stadtgesellschaften entwickeln sich stets in mehreren Dimensionen. Sampson, der an der Universität Harvard lehrt, hat vor einigen Jahren mit seinem Buch Great American City den Aufstieg und Verfall von Chicago untersucht und damit das Nachdenken über Städte stark beeinflusst. Anhand von Umfragen und Langzeitbeobachtungen hat er nachgewiesen, dass eine alte Idee der Stadtentwicklung weniger bedeutsam ist als angenommen. Es handelt sich um die Broken-Window-Theorie, derzufolge Unordnung in einer Stadt und die Kriminalität dort zusammenhängen. In Saint-Denis wurden über ein gutes Jahrzehnt und werden noch bis ins Jahr 2017 rund 1,4 Milliarden Euro in den Stadtraum investiert – trotzdem hat sich eine salafistisch-terroristische Szene etabliert.

Größe ist ein Integrationsproblem

Straßen und neue Fassaden allein helfen eben nicht. Sampson kann für Chicago belegen, dass es für eine gelingende Integration mindestens so wichtig ist, das zivilgesellschaftliche Leben in Gang zu bringen – jenseits von Kirchen und Moscheen. Wie sehr das zutrifft, zeigt sich im Umkehrschluss in der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro. Dort sorgt nicht der Staat in den Favelas für soziale Stabilität – sondern das Organisierte Verbrechen, indem es Vereine, Fußballplätze und Gesundheitsstationen sponsert.

Wie europäische Großstädte auf die hiesige Bedrohung, jenseits von Polizei, reagieren können, ist in London zu beobachten. Seit den Terroranschlägen vor vier Jahren tritt die Stadtverwaltung massiv als Unterstützer der Zivilgesellschaft in sozialen Brennpunkten auf. Sie bedient sich dafür einer Stiftung, der Active Change Foundation, und fördert muslimische Jugendorganisationen, die eine liberale Version des Islams verbreiten. Die Stiftung finanziert auch Jugendclubs, veranstaltet Workshops zur Weiterbildung und politische Diskussionen. Eine weitere Organisation namens Inspire konzentriert sich in dem Stadtviertel auf junge Musliminnen, wirbt für die Gleichstellung der Geschlechter in den Familien und verhilft Frauen zu einem ersten Job.

Das ist mit mehrdimensionaler Stadtentwicklung gemeint: Es gibt nicht die eine Maßnahme, die alles zum Besseren wendet. Aber es gibt Rahmenbedingungen, die vielversprechend sind – und politische Strategien, die es erleichtern, Problemviertel zu verhindern oder zu beruhigen.

Das versteht man, wenn man Stuttgart und München mit ihrem hohen Ausländeranteil ansieht. Die beiden Städte nähmen in ihrer Einwohnerstruktur "die Zukunft der meisten Städte in Westdeutschland vorweg", sagt Walter Siebel, emeritierter Professor für Soziologie und Doyen der deutschen Stadtforschung.

Ein wesentlicher Unterschied zu Paris und Brüssel besteht heute darin, dass Einwanderer in Stuttgart und München dringender gebraucht werden. Deshalb, sagt die langjährige Chefin der Stadtplanungsbehörde in München, Christiane Thalgott, habe man sich intensiv um die Einwanderer gekümmert. Das sei seit dem 19. Jahrhundert so, als die Zuzügler noch aus Franken, den Alpen und dem Münchner Umland stammten. Es habe damals einfach nicht genügend Lehrlinge und Arbeitskräfte gegeben, und das gelte bis heute, nun neben dem Handwerk eben auch in Metall- und Autoindustrie. "Dass es in München so viel Arbeit gibt, für die man seine Hände braucht, hilft auch", sagt Thalgott. Metall, Auto, Handwerk – das seien weiterhin eher männliche Berufe, die Einwanderern mit ihren oft traditionellen Familienstrukturen entgegenkämen. Umgekehrt heißt das tendenziell: Je größer der Anteil der Dienstleistungsfirmen in einer Stadt ist, zum Beispiel in Hamburg, desto größer werden die Hürden für männliche Einwanderer. Einfachere Dienstleistungen werden seit je überwiegend von Frauen erbracht.

Das hohe Interesse an gewerblichen Arbeitskräften ging in München mit einer Kümmerpolitik einher. "Neben der Arbeit kommt es vor allem auf die Bildungspolitik an", sagt Thalgott und zählt das ganze Arsenal der modernen Integrationspolitik auf: Kitaplätze, Bildungsangebote in den Stadtvierteln, die auch die Eltern erreichen, gemischte Wohnviertel. Außerdem habe München früh einen Ausländerbeirat gegründet, und sobald Einwanderer wählen durften und wählbar wurden, hätten die großen Parteien in der Stadt, mehr die SPD, aber auch die CSU, die Neuen in ihre Parteien und damit in die Kommunalpolitik geholt, auch weil sie die Nöte in ihren Vierteln früher erkennen.

Es wird leichter, wenn eine Stadt die Neuen wirklich brauchen kann, und diese Erfahrung müsste auch bei der Verteilung von Flüchtlingen eine Rolle spielen. Aber der Münchner Fall hilft auch, zu verstehen, warum sich in Berlin über Jahrzehnte niemand so recht um die türkischen Einwanderer in Neukölln gekümmert hat, warum jemand wie der Ex-Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky so laut sein musste, um gehört zu werden.

"Die Größe entscheidet darüber, wie stabil eine ethnische Gruppe bleibt"

Berlin ist kein Industriestandort, die Arbeitslosigkeit ist seit den 1980er Jahren überdurchschnittlich hoch, und was die Stadt vor der Wende brauchte und wollte, waren eher Studenten und Subventionen als Einwanderer. Auch heute gibt es weder im Kulturbetrieb der Hauptstadt noch in der Start-up-Szene oder im politischen Berlin allzu viel Muskelarbeit zu verrichten, die es für viele Einwanderer und die zahlreichen Bildungsverlierer in der zweiten und dritten Generation leichter machen würde, ein Auskommen zu finden.

Und noch aus einem weiteren Grund ist Berlin von den deutschen Städten am ehesten mit Brüssel und Paris vergleichbar: wegen seiner Größe. Denn Größe ist ein Integrationsproblem. Der Soziologe Walter Siebel verdeutlicht es an einer einfachen Rechnung: "Wenn in Oldenburg jeder tausendste Einwohner ein Türke wäre, dann lebten dort 160 Türken. In Berlin wären es schon 3.500. Die Größe entscheidet wesentlich darüber, wie stabil eine ethnische Gruppe bleibt – und wie sehr unter sich."

Richard Sennett, Starsoziologe von der London School of Economics, erforscht deshalb zurzeit, wie Stadtplaner auf die Folgen einer physischen Ausgrenzung von sozialen und religiösen Gruppen reagieren können. Grundsätzlich kommt er zu dem Schluss, dass eine Situation wie in Paris einer Radikalisierung eher Vorschub leiste. "Die sozial schwachen Wohngebiete mit einem hohen Anteil von Muslimen liegen außerhalb und sind von dem inneren Stadtgebiet durch die Ringautobahn getrennt", sagt er. Das mache Paris zu einer "geschlossenen Stadt", in der das Gefühl der Ausgrenzung für einzelne Bevölkerungsgruppen "physisch erlebbar" sei. Kommunalpolitik müsse für mehr Durchlässigkeit sorgen.

Das bestätigen auch Untersuchungen des amerikanischen Ökonomen Raj Chetty, der an der Universität Harvard lehrt. Nach einer Analyse von Hunderttausenden anonymisierter Steuererklärungen und Biografien fanden Chetty und seine Mitarbeiter heraus, dass ein langer Weg zur Arbeit die Chancen von Niedriglöhnern, sozial und ökonomisch aufzusteigen, deutlich behindert. Genau aus diesem Grund würden in Atlanta so wenige Menschen den Aufstieg schaffen – und in San Francisco so viele. Dort sind die Wege kürzer, der Nahverkehr ist besser.

Es hilft also, wenn die Bewohner aus Problemvierteln leicht Arbeit finden und leicht dorthin kommen. Wenn der Staat in ihren Vierteln in Bildung investiert und das soziale Leben fördert. Was dann noch fehlt: Man muss die Menschen davon abhalten, gleich abzuhauen, wenn sie sozial aufsteigen und sich den Umzug leisten können. Auch hierfür liefert der amerikanische Soziologe Robert Sampson einen Ansatz. Er schreibt, seine Untersuchungen in Chicago würden belegen, dass es entscheidend sei, wie über ein Stadtviertel geredet werde. Der Ruf einer Vorstadt sage viel über deren Zukunft voraus, manchmal mehr als die Realität auf der Straße und in den Firmen. Wenn also über Jahre negativ über bestimmte Stadtviertel berichtet würde, wenn die Banlieues in Paris als "verlorene Territorien" bezeichnet würden, dann festige sich ihr Ruf, dann festige sich die negative Aussicht.

Mitarbeit: Georg Blume, Thomas Fischermann, John F. Jungclaussen, Jan Wittenbrink

Korrekturhinweis: In der gedruckten Version hatte fälschlicherweise geheißen, 40 Prozent der Menschen in Stuttgart hätten keinen deutschen Pass. Das stimmt nicht, so viele Menschen haben einen Migrationshintergrund. Ohne deutschen Pass sind es 24,5 Prozent. Wir haben das online verbessert. Die Redaktion