In den besten Momenten ist alles eins: die Band, das Publikum, die Musik – "eine einzige Energieblase", sagt Max Weissenfeldt. Es kann auf einem Markt im südghanaischen Kumasi geschehen oder in einem Dorf in der Sahelzone – wo immer die 15 Musiker seines Polyversal-Souls-Orchesters ihre Instrumente auspacken, die Notenständer in den Staub stellen und gemeinsam mit den lokalen Stars der ghanaischen Szene aufspielen. Monatelang reisten der in Berlin lebende Schlagzeuger und sein Ensemble durch das Land.

Aus den Kollaborationen dieser Reise ist ein Album entstanden, das so nachbarschaftlich daherkommt wie ein Konzert auf dem Dorfplatz und sich doch anhört wie der Soundtrack zu unserer globalen migrantischen Gegenwart. Invisible Joy heißt es, und diese unsichtbare Freude ist natürlich die Musik selbst – eine Musik ohne Grenzen und Zäune.

Da singt Guy One aus der Musikmetropole Bolgatanga und improvisiert auf seiner zweisaitigen Kologo. Da heben Sängerinnen aus einem ländlichen Kirchenchor an. Dazwischen rappt Roy X, jüngster Sohn der Highlife-Legende Ebo Taylor. Gospel, Folklore, Hip-Hop: Das alles fließt zusammen und vermengt sich unter Max Weissenfeldts dezenter Regie mit indischen und äthiopischen Harmonien, mit karibischen Rhythmen und urbanem Soul. Die Welt ist ein Dorf; keine Kultur dominiert die andere.

Die Kunst, die es dazu braucht, ist die der Zurückhaltung – eine Kunst, die Weissenfeldt, Jahrgang 1975, so meisterlich beherrscht, dass er dem breiten Publikum bis heute unbekannt geblieben ist, obwohl er zu den einflussreichsten deutschen Musikern der vergangenen 20 Jahre zählt. Nicht nur saß er für Indie-Größen wie Lana Del Rey am Schlagzeug. Er hat auch das weltweite Funk- und Soul-Revival mit angestoßen, bevor er auf Reisen durch Asien, Afrika und den Nahen Osten mit dem Kraut-Jazz-Kollektiv Embryo seine Idee einer polykulturellen Musik entwickelte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 26.11.2015.

In den frühen Neunzigern entdeckten er und sein Bruder Jan den rohen Funk der späten Sechziger. Noch als Schüler nahmen sie ihre ersten Songs auf und schütteten zur Authentizitätssteigerung Muttis Staubsaugerbeutel über den frisch gepressten Singles aus, die sie unter allerlei Pseudonymen in Umlauf brachten. Als Poets of Rhythm erlangten sie eine gewisse Berühmtheit. Und auch in Brooklyn wurde man auf die Münchner aufmerksam: Inspiriert von deren Retro-Funk, bildete sich dort die Keimzelle des Daptone-Labels, dessen Hausband 2006 das Erfolgsalbum Back to Black von Amy Winehouse einspielte.

Als die Funk- und Soulwelle dann so richtig rollte, waren die Weissenfeldt-Brüder schon wieder woanders und erweiterten als Whitefield Brothers ihr rhythmisches Vokabular. Über Jahre hat Max Weissenfeldt sich die Grammatik alter Funk-Platten angeeignet, bis er nicht nur kopieren, sondern auch eigene Ideen formulieren konnte. Nun fing er an, außereuropäische Musiksprachen zu studieren.

Invisible Joy ist das jüngste Ergebnis dieser Bemühungen. So vielfältig wie kohärent, erinnert es daran, was das Wort "Weltmusik" meinte, bevor es vom Marketing besetzt wurde: nämlich nicht einfach "andere", nichtwestliche Klänge, die man benutzt wie einen Gewürzschrank, sondern eine Musik, die den Dialog mit dem "Anderen" sucht.