ZEIT: Diese scheinbar bruchlose Selbstüberzeugung wirkt auf mich nicht wirklich überzeugend, eher wie ein Schutzschild.

Kroos: Das mag schon sein, aber Sie müssen sehen: Schon seit frühester Jugend stand meine Art zu spielen in der Kritik. Lief’s gut, hieß es: genial, lief es schlecht: lethargisch. Das härtet ab. Und wo bin ich jetzt? In diesem Fußballleben wird mich keiner mehr dazu bringen, meine Art, Fußball zu spielen, grundsätzlich zu ändern.

ZEIT: Sie haben einmal gesagt: "Ich wusste immer, dass ich einen weiten Weg vor mir habe." Auf einer Skala von eins bis zehn: Wo stehen Sie auf diesem Weg im Moment?

Kroos: Nach dem WM-Sieg hätte ich gesagt: zehn. Heute würde ich sagen: acht.

ZEIT: Was passiert dann zwischen acht und zehn?

Kroos: Ich kann mich natürlich noch verbessern. Wenn ich in diesem Jahr fünf bis zehn schlechte Spiele gemacht habe, dann sollten es in der kommenden Saison weniger sein. Diese Konstanz ist das Ziel.

ZEIT: Carlo Ancelotti hat Real Madrid als Familienunternehmen bezeichnet. Auch beim FC Bayern, Ihrem Exverein, spricht man mit Blick auf den Zusammenhalt untereinander von der Bayern-Familie. Teilen Sie diese Einschätzung?

Kroos: Einen Profifußballverein mit einer Familie gleichzusetzen halte ich für problematisch. Schon allein deshalb, weil sich weder bei Bayern noch bei Real alle Mitarbeiter im Verein kennen. Die Vereine nutzen diesen Vergleich, um eine Verbundenheit zu demonstrieren, die es aber so nicht gibt. Vor allem nicht in Krisenzeiten.

ZEIT: Ihr Vater war in der Jugend Ihr Trainer, Ihr Bruder ist auch Fußballprofi. Ihre Mutter sagte in einem Interview: "Wir haben in unserer Familie dem Fußball alles untergeordnet." Wenn Sie an Ihren zweijährigen Sohn Leon denken ...

Kroos: ... ich weiß schon, was Sie jetzt fragen.

ZEIT: Nämlich?

Kroos: Würden Sie das genauso machen?

ZEIT: Und, würden Sie?

Kroos: Wir würden Leon niemals in diese Richtung antreiben. Selbst wenn ich irgendwann merken würde, dass er fußballerisch meine Anlagen hätte. Sollte er Spaß am Fußball haben, würden wir ihn sicher fördern. Wenn nicht, werden wir ihn dabei unterstützen, auf einem anderen Gebiet glücklich zu werden.

ZEIT: Jupp Heynckes hat einmal über Sie gesagt: "Der Toni lässt sich von nichts und niemandem beeindrucken." Er meinte gewiss den Spieler Kroos. Inwieweit gilt das aber auch für den Menschen, den Vater, Ehemann, Sohn und Bruder Toni Kroos?

Kroos: Das trifft schon zu: Eine gewisse Unaufgeregtheit habe ich auch im Privaten. Wenn Sie jetzt aber meinen, ich sei nicht in der Lage, Emotionen zu zeigen, mich von Menschen und Gefühlen beeindrucken und auch überwältigen zu lassen, dann liegen Sie falsch. Das stimmt definitiv nicht.

ZEIT: Es gibt in all den Interviews und Porträts nur eine einzige Situation, die das belegt. Kurz nach der Geburt Ihres Sohnes haben Sie sinngemäß gesagt: Seit ich Familie habe, wird mir die Zeit, in der ich nicht bei Frau und Kind bin, immer unendlich lang.

Kroos: Ich hänge meine privaten Empfindungen nicht an die große Glocke, und im Übrigen werde ich ja meistens nur über Fußball befragt. Sie sollten mich einmal erleben, wenn ich bei den schwer kranken und hilfsbedürftigen Familien bin, die ich mit meiner Stiftung unterstütze. Dann würden Sie die Frage, ob ich mich beeindrucken lasse, nicht wieder stellen.

ZEIT: Die Toni Kroos Stiftung gibt es seit Mai. Sie spielten eine lange Saison, danach kam die WM, es folgte die Saisonvorbereitung mit Real. Man kann sich schwer vorstellen, dass Sie bisher Zeit fanden, wirklich aktiv zu werden.

Kroos: Da täuschen Sie sich. Ich kenne jedes einzelne Projekt, das die Stiftung unterstützt, informiere mich auch im Detail und entscheide über jeden Schritt der Stiftung mit. Ich versuche, an allem, was möglich ist, teilzuhaben, und es ist sehr viel möglich, auch aus der Entfernung.

ZEIT: Hatten Sie selbst schon Kontakt zu den zum Teil schwerstbehinderten Kindern, deren Familien Ihre Stiftung unterstützt?

Kroos: Wir arbeiten mit dem Kinderkrankenhaus in Köln und dem Kinderhospiz Regenbogenland in Düsseldorf zusammen, dort habe ich im Sommer viele Stunden mit schwer und todkranken Kindern verbracht. Zuletzt hatten wir einen Familientag in Düsseldorf, bei dem ich alle Familien aus dem Regenbogenland getroffen habe. Das Bewusstsein für diese Aufgabe wächst natürlich, wenn man dann selbst so einen kleinen Mann neben sich herumlaufen hat und man plötzlich nicht nur weiß, sondern spürt, was für ein Geschenk es ist, ein gesundes Kind zu haben.