DIE ZEIT: Herr Dschemiljew, seit zwei Monaten blockieren die Krimtataren die Zufahrt vom ukrainischen Festland zur Krim. Nun sind Strommasten von Unbekannten gesprengt worden, bis zu zwei Millionen Menschen waren ohne Strom. Finden Sie das richtig?

Mustafa Dschemiljew: Schwierige Frage. Natürlich ist es nicht gut, dass Menschen im Dunkeln sitzen. Vor Kurzem sagte unser Energieminister, dass auf der Krim auch ukrainische Staatsbürger lebten, wir dürften sie nicht ohne Strom lassen. Ich habe ihn gefragt: Hätte im Zweiten Weltkrieg ein amerikanischer oder sowjetischer Minister gefordert, Hitlers Armee mit Nahrung und Strom zu versorgen? Russland ist verantwortlich für die Situation der Menschen auf der Krim. Hat Putin etwa gehofft, dass die Ukraine sein Besatzungsregime unterstützen wird?

ZEIT: Ihr Vergleich ist unzutreffend. Wäre es nicht sinnvoll, weniger auf Konfrontation zu setzen?

Dschemiljew: Aus Deutschland betrachtet mag das so erscheinen. Aber den Krimtataren geht es sehr schlecht, sie werden wie Menschen zweiter Klasse behandelt. 25 Jahre lang haben wir in einer Demokratie gelebt, auch wenn diese nicht an EU-Standards gemessen werden konnte. Nun erleben wir Zeiten, die noch schlimmer sind als während des Sowjetregimes. Nach unserer Deportation 1944 hatten wir über Generationen hinweg darum gekämpft, in unsere Heimat zurückkehren zu dürfen. Jetzt werden wir wieder vertrieben. Wenn du nicht bereit bist, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen, kannst du auf der Krim nicht leben. Selbst Menschen, die sterbenskrank ins Krankenhaus gehen, werden als Erstes gefragt: Haben Sie einen russischen Pass? Wer keinen hat, wird abgewiesen.

ZEIT: Worum geht es Ihnen bei der Blockade?

Dschemiljew: Wir sind nicht so naiv, zu glauben, dass durch unsere Blockade russische Soldaten und Panzer verschwinden werden. Wir fordern erstens, dass alle politischen Gefangenen befreit werden, zweitens, dass die Verschleppungen und Morde an politischen Aktivisten international untersucht werden. Drittens müssen Menschenrechtsorganisationen wieder Zugang zur Krim bekommen. Und viertens: Wir wollen unsere Rechte zurück, wie wir sie unter dem ukrainischen Gesetz hatten.

ZEIT: So ehrenwert diese Ziele sind: Durch Ihr Vorgehen werden zwei Millionen Menschen als Geiseln genommen. Wäre es nicht klüger, um die Krimbewohner zu werben?

Dschemiljew: Aber es gilt dort heute russisches Recht. Wenn wir etwa ein Referendum anstreben würden, um die Krim zurück in die Ukraine zu führen, dann wäre das nun als Separatismus strafbar. Die Meinung der Bewohner zählt nichts, solange Russland herrscht. Ein Beispiel: In einem Bus klagen Frauen darüber, dass alles schlechter geworden sei, die Gehälter sänken, überall lange Schlangen, die Krankenhäuser seien überfüllt. Eine der Frauen, eine Krimtatarin, sagt: Ihr wolltet zu Russland, nun seht ihr, was ihr davon habt. Als sie aussteigt, kommt ein Mann des russischen Geheimdienstes auf sie zu. Sie solle die Krim verlassen, andernfalls würde man sie wegen Volksverhetzung anklagen. Sie lebt nun in Kiew.

ZEIT: Heißt das, Sie kämpfen zwar noch um die Rechte der Krimtataren, haben die Krim als Teil der Ukraine aber aufgegeben?

Dschemiljew: Nein. Wir wollen die Besatzung beenden. Andernfalls können wir niemandem seine Grundrechte garantieren. Ich habe mit dem türkischen Präsidenten darüber gesprochen, warum sich sein Land den Sanktionen gegen Russland nicht angeschlossen habe. Er sagte, dass die Türkei sich mit ihren engen Beziehungen zu Russland besser für die Rechte der Krimtataren einsetzen könne. Ich antwortete ihm: Dadurch werden vielleicht ein paar politische Gefangene freikommen, vielleicht wird es ein paar weniger Verhaftungen geben. Aber eine Insel der Freiheit wird die Krim so nicht werden, weil Russland keine Demokratie ist.