Da saß er nun, der Großkritiker, und war entsetzt. Diese Frau brachte es auf keine zehn Sechzehntel pro Sekunde! Dabei steht Presto con fuoco über dem sechzehnten der Préludes opus 28 von Chopin, und alle Pianisten entfachen das Feuer in höchster Rasanz. Dinorah Varsi war aber nicht wie alle Pianisten. Sie hatte sich lange zurückgezogen, und nun, mit 48, präsentierte sie ihren Chopin so, wie sie ihn gerade aufgenommen hatte. Der Rezensent vermutete Überforderung und sprach von einer "Angstpartie".

Kritiker können danebenhauen wie Pianisten. Die Musikerin aus Uruguay, die 1988 in München so verrissen wurde, konnte jeden Takt mindestens genauso schnell spielen wie die anderen Pianistengrößen, die in ihrer Generation aus Südamerika kamen, Daniel Barenboim etwa, Bruno Leonardo Gelber oder Martha Argerich. Aber die hatten auch Glamour, Weltrausch, Romance. Bei Varsi gab es immer nur den Flügel, geliebtes Gegenüber dieser Frau mit dem schmalen, beim Spiel meist ernsten Gesicht. Jetzt, zwei Jahre nach ihrem Tod, ist die Pianistin neu zu entdecken.

40 CDs und DVDs stecken in der Box, mit der das umtriebige Leipziger Label Genuin sich von so vielen Vermächtnisbriketts marktgängiger Legenden absetzt. Denn Varsi hat uns Rares mitzuteilen, bei keineswegs innovativem Repertoire. Beethoven zum Beispiel: Auch in der D-Dur-Sonate des 28-Jährigen, opus 10 Nr. 3 , bleibt sie hinter dem üblichen Tempo zurück. Man vermisst nichts. Aber man staunt über eine Mischung aus Plastizität und Sinn, in der nichts inszeniert ist.

Da sind durchaus Grammatik und Rhetorik schon in den ersten vier Takten bis zur kraftvollen Frage, die mit der Fermate gestellt wird. Aber nachdem die steigenden Viertel bei allem Drang nicht geeilt sind, sondern alle schier anfassbare kleine Klangereignisse waren, ist die Verlängerung des Zieltons mehr als eine Frage. Hier spannt sich Kraft, die alle weiteren 340 Takte nötig macht, voller Leben. Eine Synkope kann da zum Wesen werden, das herausschaut aus dem Geflecht, einfach so, nicht durch Analyse freigelegt. Dinorah Varsi stellt Fragen, aber nicht solche nach Absichten, die ein Komponist womöglich hat oder verbirgt, sie vertraut dem Komponierten "an sich". Kaum sonst klingt Beethoven, wo er schwarz und streng wird, so wenig bitter wie bei ihr. Darum ist auch das depressive Largo der Sonate so beschaffen, dass man sich der Interpretin ganz anvertraut: Sie wird die Traurigkeit objektivieren, ohne sie wegzulügen, zu Klang machen, nicht zu Pathos. Voraussetzung dafür ist eine Nähe zum Klavier, eine so innige Partnerschaft, wie man sie selten erlebt.

"Wann ich angefangen habe mit dem Klavier?", überlegt sie im Jahr dieser Aufnahme, 1987. "Wann habe ich zum ersten Mal das Meer, die Sonne in Montevideo gesehen?" Dinorah Varsi, geboren am 15. November 1939 in Montevideo, an der Mündung des Rio de la Plata, bekommt mit vier Jahren Klavierunterricht, tritt nach drei Monaten öffentlich auf, die Fünfjährige spielt schon einen kleineren Chopin und beeindruckt den Dirigenten Erich Kleiber. Ein Mädchen mit Spitzenkragen und Schleifchen im Haar, die Füße weit über dem Pedal baumelnd.