ZEIT: Keine Staatlichkeit ohne Legitimität?

Koskenniemi: Absolut. Die internationale Gemeinschaft ist einfach nicht willens, das Verständnis von Staatlichkeit lediglich auf die Kontrolle über ein Gebiet zu beschränken. Staatlichkeit ist und war immer an ein gewisses Maß an Legitimität gebunden. Und der IS hat überhaupt keine, nicht die geringste. Stellen Sie sich einmal vor, ein Mafioso zwingt eine Familie mit vorgehaltener Waffe, ihr Haus zu verlassen. Dann zieht der Mafioso mit seiner eigenen Familie in das Haus ein und kontrolliert darin alles. Heißt das, dass er der rechtmäßige Besitzer ist? Natürlich nicht.

ZEIT: Man würde den IS aufwerten, wenn man ihn einen Staat nennt?

Koskenniemi: Selbstverständlich. Aber wie gesagt – es gibt keinen Grund, den "Islamischen Staat" einen Staat zu nennen. Und was würde es bringen? Wenn der IS ein Staat wäre, dann hätte er das Recht auf Selbstverteidigung. Und die Bombardierungen durch die USA und Russland, überhaupt alle Militäraktionen gegen den Terrorstaat, wären illegal. Eine absurde Vorstellung.

ZEIT: Müssen wir beweisen, dass der Terror vom "Islamischen Staat" aus gesteuert wurde? Und wären dann auch präventive Maßnahmen völkerrechtlich erlaubt?

Koskenniemi: Ich erinnere noch einmal an die US-Aktionen gegen Afghanistan nach dem 11. September. Wenn Terroristen von einem Staat gefördert oder unterstützt werden, dann macht sich dieser Staat einer Aggression schuldig, und das heißt: Man kann sich gegen ihn auf Artikel 51 berufen, auf das Recht zur Selbstverteidigung. Zugegeben, was wir einen "Beweis" nennen, ist oft problematisch, dennoch ist die Sache im Grundsatz völlig klar und wird auch vom Internationalen Gerichtshof bestätigt, beispielsweise bei der Nicaragua-Entscheidung 1986. Damals hatte Nicaragua die USA wegen deren gewaltsamer Intervention im nicaraguanischen Bürgerkrieg verklagt und hatte vom Internationalen Gerichtshof recht bekommen.

ZEIT: Welche Möglichkeiten bietet das internationale Recht, den Terror zu bekämpfen?

Koskenniemi: Die meisten Anti-Terror-Maßnahmen fallen nicht unter das internationale Recht. Sie fallen unter das normale Strafrecht und sind Gegenstand polizeilicher Kooperationen. Das Töten von Zivilisten ist kein Kriegsakt, es ist ein Verbrechen. Deswegen gelten die meisten Terrorakte auch nicht als Aggression oder als bewaffneter Angriff, die einen international bewaffneten Konflikt auslösen. Anders gesagt: Anti-Terror-Maßnahmen gelten normalerweise als polizeiliche Operationen und werden nicht im völkerrechtlichen Rahmen von Truppeneinsätzen verhandelt. Deshalb ist ein Terrorist in der Regel auch kein Kombattant. Es sei denn, der Artikel 51 der UN-Charta wird in Anspruch genommen oder ein anderer Staat ist beteiligt.

ZEIT: Angenommen, Sie hätten die Aufgabe, im Nahen Osten eine Friedenskonferenz zu organisieren. Was würden Sie tun? Müssten Sie für die Friedensverhandlungen das barbarische Gebilde des "Islamischen Staates" anerkennen?

Koskenniemi: Mitnichten. Für ein Friedensabkommen ist es in keiner Weise erforderlich, dass man dafür den "Islamischen Staat" anerkennt. In den meisten Friedensverhandlungen wird der Status der beteiligten Parteien deshalb bewusst offengelassen. Die Briten zum Beispiel haben jahrzehntelang mit der IRA verhandelt, ohne sie in irgendeiner Weise offiziell anzuerkennen.

ZEIT: Wenn ich Sie einmal weniger als Völkerrechtler denn als Zeitdiagnostiker frage: Woher kommt der Terror? Was sind seine Ursachen?

Koskenniemi: Ich weiß zu wenig über Terror im Allgemeinen. Aber diese besondere Form von islamistischem Nihilismus, in dem ich nichts Religiöses erkennen kann, ist das Resultat eines Jahrhunderts der lang anhaltenden Kolonialregime. Zum anderen verdankt er sich einem eklatanten Mangel an demokratischer Selbstbestimmung von Arabern, die immer noch als Bürger zweiter Klasse in autokratischen Monarchien leben. Junge Männer haben im Nahen Osten keine Zukunft, sie haben keinen Raum zum Träumen. Elisabeth Kassab, eine arabische Intellektuelle, hat recht, wenn sie sich auf ein Gedicht des amerikanischen Dichters und Bürgerrechtlers Langston Hughes bezieht und sagt, dass ein endlos "aufgeschobener Traum" eines Tages entweder wie eine verfaulte Frucht vertrocknen oder explodieren wird. Wir sehen gerade seine Explosion.