Er hat die venezolanische Regierung gehackt. Von nichts anderem redet er zurzeit so gern. Schwungvoll betritt Alfredo Weil den Konferenzraum seiner Firma, knallt zwei Handys und einen Autoschlüssel auf den Tisch und setzt sich auf die Stuhlkante. Kundig fährt er mit den Fingern über ein Computerdisplay, auf dem lange Tabellen voller Zahlen erscheinen.

"Ich zeige Ihnen jetzt, dass Blut an den Händen unserer Regierung klebt", kündigt der IT-Unternehmer an. Das klingt reichlich theatralisch, bei so viel trockenem Zahlenmaterial auf dem Bildschirm. Doch Zweifel will er nicht aufkommen lassen: "Ich weise Ihnen nach, dass die venezolanische Regierung systematisch Wahlbetrug praktiziert!"

Am kommenden Sonntag finden Parlamentswahlen in Venezuela statt, und der 72-jährige Mittelständler aus der Hauptstadt Caracas ist dabei zu einem Mitspieler geworden. Ihn stört es gewaltig, dass in dem südamerikanischen Land seit 1999 die Chavisten regieren: die Anhänger des inzwischen verstorbenen sozialistischen Comandante Hugo Chávez und seines Nachfolgers Nicolás Maduro. Sie haben den venezolanischen Staat kräftig zu ihren Gunsten umgebaut, auch das Wahlsystem. Seit Jahren spricht die Opposition von massiver Wahlmanipulation –und Weil liefert ihnen die Argumente für diese Anschuldigungen.

Weil hat rechtzeitig viel Geld ins Ausland geschafft, das gibt ihm Sicherheit

Gemeinsam mit acht Gleichgesinnten, allesamt erfolgreiche Unternehmer oder hochrangige Akademiker, versorgt er die Opposition seit Jahren mit Belegen. Er nutzt dabei seine technischen Kenntnisse als IT-Unternehmer und eine äußerst umstrittene Informationsquelle: Weil macht keinen Hehl daraus, dass er die Datenbanken des nationalen Wahlamtes angezapft hat. Dort war er vor der Ära Chávez für einen Teil der Informationstechnik verantwortlich. Er habe große Datenbestände von dort in seine eigenen Computersysteme transferiert, sagt er, und könne sie nun nach Gutdünken durchforsten. In Venezuela sei so etwas legal. "Wir wissen doch, wie so was geht", sagt Weil und zuckt mit den Schultern. "Wir sind ein Computerunternehmen."

Stimmt: Alfredo Weil ist der Gründer und Präsident des Unternehmens Scannven, das Computerprogramme für die Lagerhaltung erstellt. Vor zehn Jahren besaß Weil noch weitere IT-Unternehmen. Sechs Firmen standen damals unter seiner Kontrolle, doch dann stieß er den Großteil ab. Er fühlte sich alt und reich genug, und im Sozialismus von Hugo Chávez & Co. sah er kein gutes Umfeld für eine so große Unternehmensgruppe. "Eine Firma reichte mir", sagte Weil und nannte die neue Lebensphase "Ruhestand". Dann programmierte er die Grundlagen einer neuen Lagerhaltungssoftware namens Sakura und lockte große Kunden an, darunter den größten Bürobedarfshändler Venezuelas und eine namhafte Lebensmittel- und Getränkekette.

An diesem Morgen ist Weil schon früh ins Büro gekommen, in ein Häuschen im vornehmen Stadtteil La Trinidad, das von Mauern und Stacheldraht umgeben ist. Er trägt ein schlichtes Hemd mit zwei Stiften in der Brusttasche, seine graue Hose ist penibel gebügelt. Weil sagt während des Gesprächs gern Sätze wie: "Okay, da fragen Sie mich etwas sehr Interessantes, darauf will ich Ihnen nun eine Antwort geben." Dann vergräbt er sich minutenlang in die Datensätze auf seinem Computer, bis er irgendwelche Dokumente findet, die er sofort an das Mobiltelefon seines Gesprächspartners sendet.

Dann öffnet sich die Tür des Büros, seine Tochter Patricia kommt herein. "Sie ist der Boss hier", sagt Weil, er hat sie zur Geschäftsführerin gemacht. Der Vater spricht kurz über die Vorzüge von Pünktlichkeit, setzt sich neben die Tochter und ergreift bei wichtigen Fragen stets selbst das Wort. Zum Beispiel als es um den Sozialismus im Allgemeinen geht, der das Land in Grund und Boden gewirtschaftet habe. "Meine Frau ist manchmal besorgt: So viele Dinge werden knapp! Gerade zum Beispiel steigen die Kosten für Eier! Ich sage dann immer: Mach dir keine Sorgen. Das Problem betrifft nicht uns, wir kämpfen für die vielen anderen Menschen im Land. Wir sind doch Millionäre. Wir haben Dollar im Ausland. Damit können wir unter diesen Sozialisten bis ans Ende unserer Tage leben."

Weil sagt, er habe es rechtzeitig geschafft, größere Dollarsummen im Ausland zu investieren. "Wenn ich damals gewusst hätte, wie schlimm es unter dem Chavismus wird, hätte ich noch viel mehr Geld dorthin geschafft." Er besitzt Immobilien und Bargeldkonten in den USA und in London, wo zwei seiner vier Töchter leben. "Alle ordentlich versorgt", sagt er.

Warum aber ist er dann selber noch hier, als Unternehmer in der sozialistischen Hölle?

Er mache hier gute Geschäfte, sagt er, Chávez und die Sozialisten hin oder her. "Viele Unternehmen haben ja bereits aufgegeben. Das erinnert mich an das schöne alte Sprichwort: Weniger Chinesen, mehr Reis." Dem Unternehmen gehe es gut. Es habe 20 Mitarbeiter und erziele einen jährlichen Umsatz von zehn Millionen Dollar. Die Margen seien auch deshalb "sehr gut", weil er seine verbliebenen Wettbewerber an einer Hand abzählen kann. Ein paar Abnehmer seiner Software sitzen außerhalb von Venezuela, in Panama zum Beispiel, und sie bezahlen bei Scannven in wertvollen US-Dollar. Das ist ein unschätzbarer Vorteil in Venezuela, wo die Landeswährung durch die grassierende Inflation fast wertlos geworden ist.