Es ist ein Minenunglück mit traurigen Superlativen und schockierenden Bildern: 20.000 olympische Swimmingpools voller Minenschlamm sind Anfang November aus einem Minenbecken in Zentralbrasilien ausgetreten, sie haben eine rotbraune Schlammlawine geformt und sind bis ins Meer geflossen. Das Unglück forderte mindestens 13 Todesopfer, Bergdörfer wie Bento Rodrigues wurden zerstört, 600 Menschen wurden aus ihren Häusern evakuiert. Zehntausende Menschen hatten tagelang kein Frischwasser. Im mächtigen Strom des Rio Doce, des "süßen Flusses", starben die Fische, an der Küste erstickten Vögel, Schildkröten und Krustentiere.

Jetzt berichten Medien in aller Welt vom "größten Minenunglück der brasilianischen Geschichte", die UN sprechen von einem "katastrophalen Zusammenbruch" in der brasilianischen Erzproduktion – doch das täuscht, auf zweifache Weise. Viel deutet darauf hin, dass der Schaden am Rio Doce kleiner ausgefallen ist als anfangs gedacht. Noch mehr aber deutet darauf hin, dass Brasilien in den kommenden Jahren weit größere Minenunglücke bevorstehen, dass die Katastrophe vom Rio Doce nur der Anfang war.

Das Unglück begann nahe dem Ort Mariana, einem Städtchen im Herzen des Hochlands von Minas Gerais, einem Bundesstaat im Südosten Brasiliens. Prächtige Bauernhöfe und Kirchen zeugen hier vom Reichtum der Kolonialzeit, in der bereits die Portugiesen der Rohstoffe wegen nach Brasilien kamen, doch ringsherum hat sich die Landschaft in ein Inferno verwandelt. Man sieht Bergkuppen, die von schweren Geräten abrasiert wurden, blickt in klaffende Löcher und gigantische Klärbecken wie jenes, das nun geborsten ist.

Die ganze Region lebt von der Minenwirtschaft, Minas Gerais trägt 50 Prozent zur gesamten Erz- und Mineralienproduktion des Landes bei: Dort fördert man Eisen, Gold, Niobium und viele andere gefragte Stoffe. Im Rohstoffboom der vergangenen anderthalb Jahrzehnte waren die Minenbosse aus Minas Gerais Stars im Land, sie wurden hofiert und zum Ausbau ihrer Unternehmen gedrängt.

Die Katastrophenmine bei Mariana gehört einem Unternehmen namens Samarco, das wiederum jeweils zur Hälfte den Rohstoffkonzernen BHP Billiton (Australien) und Vale (Brasilien) gehört. Das sind zwei international operierende Minengiganten, die über eine Menge Hightech verfügen – die aber dreieinhalb Wochen nach dem Unglück immer noch kaum sagen können, was in Mariana eigentlich geschah.

Unklar ist, warum der Damm überhaupt gebrochen ist, warum es keine Warnsysteme wie beispielsweise Sirenen für die Bevölkerung gab und woraus der Schlamm eigentlich besteht. UN-Experten haben in die Welt gesetzt, dass da eine "Lawine aus Giftschlamm" unterwegs sei, sie berufen sich auf Messungen am Rio Doce, bei denen hochgiftige Stoffe wie Arsen, Blei und Quecksilber nachgewiesen wurden.

Die Minenbetreiber bezeichnen das als Hirngespinst: In diesen Becken lagerten sie nur Wasser, rostige Eisenspäne und Sand. Die Giftstoffe müssten von anderswo stammen. So oder so, erklärte ein Gutachter im Auftrag des brasilianischen Umweltministeriums, der Fluss und der Regen würden das Problem über die Zeit schon wieder lösen. Der Schlamm würde sich schlimmstenfalls bis Januar als sehr dünne Schicht auf dem Grund des Rio Doce und im Meer absetzen. 8.000 Kilo Fische seien am Schlamm erstickt, das sei eher wenig im Vergleich zu anderen Unglücken. Und das Leben des Flusses kehre bald zurück.

Wie schlimm die Gesundheits- und Umweltschäden wirklich sind und wie dauerhaft sie bleiben, kann man wohl erst nach vielen Messungen über viele Monate hinweg einschätzen. Schon jetzt aber löst der Dammbruch eine grundlegende Debatte in Brasilien aus: Hat man den Minenkonzernen zu viel durchgehen lassen? Welche Gefahren schlummern im Land?

Auf diese Fragen gibt es, anders als am Rio Doce, sogar ein paar klare Fakten als erste Antworten. Die brasilianischen Behörden sind erbost über BHP und Vale, sie haben gleich nach dem Unglück von Mariana saftige Geldstrafen angekündigt. Das Umweltministerium spricht von umgerechnet mehr als fünf Milliarden Euro, und dieser Wert kann noch nach oben korrigiert werden.