Seit fast 20 Jahren diente das Sturmgewehr G36 als Standardwaffe der Bundeswehr. Jeder Rekrut lernte mit ihr das Schießen, jeder Infanterist trug sie bei sich, im Landserjargon galt sie gar als "Braut des Soldaten". Doch dann entdeckte die Bundeswehr vergangenes Jahr "Präzisionsprobleme". Es hieß, bei Hitze und im Dauerfeuer sinke die Treffgenauigkeit der Waffe. Aus der Braut des Landsers wurde in der Öffentlichkeit das viel verspottete "Schmelzgewehr". Im April verkündete Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen schließlich, "dass das G36, so wie es heute konstruiert ist, keine Zukunft in der Bundeswehr hat".

Nun sucht die Armee europaweit nach einem Nachfolger für die Waffe. Es geht um einen Großauftrag von bis zu 160.000 Gewehren für – so steht es in einer internen Vorlage des Verteidigungsministeriums – mehr als 630 Millionen Euro. Bislang gewann solche Ausschreibungen meist der G36-Hersteller Heckler & Koch. Nun rechnen sich erstmals seit Langem ausländische Unternehmen und kleinere deutsche Gewehrhersteller gute Chancen aus. Nach einer ersten Marktsichtung kommen neun Unternehmen infrage, unter ihnen auch Heckler & Koch. Die acht Konkurrenten hoffen, von der öffentlichen Kritik am G36 zu profitieren – und endlich das enge Verhältnis von dessen Hersteller und dem Verteidigungsministerium aufzubrechen.

Bislang ist das Unternehmen aus Oberndorf in Baden-Württemberg der Hoflieferant der deutschen Armee. Fast alle Kleinwaffen der Truppe kamen seit Bestehen der Bundeswehr von dort. Die Firma hatte vor dem G36 bereits das Sturmgewehr G3 geliefert sowie die Maschinenpistolen MP5 und MP7, die Maschinengewehre MG4 und MG5, die Granatmaschinenwaffe und weiteres Kriegsgerät.

Strengere Vergabe von Aufträgen

Heckler & Koch schien ein Abonnement auf die wichtigen Bestellungen des Verteidigungsministeriums zu haben. Mehrere Fachpolitiker im Bundestag wollen diese Praxis nun besonders streng überprüft wissen. "Diesmal erwarte ich eine offene Ausschreibung, bei der das beste Produkt den Zuschlag erhält", fordert Tobias Lindner, haushaltspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag. Auch Rainer Arnold, verteidigungspolitischer Sprecher der SPD, sagt: "Nach all dem Ärger mit Heckler & Koch in den vergangenen Monaten halte ich es für richtig, dass auch die Gewehre anderer Hersteller gründlich geprüft werden."

Ein solcher "großkalibriger Auftrag", wie ein Brancheninsider sagt, dürfte dem Gewinner der Ausschreibung auf Jahre hinaus volle Auftragsbücher bescheren. Das Verteidigungsministerium hat neun Waffen gesichtet, darunter neben der von Heckler & Koch solche von Sig Sauer und C. G. Haenel aus Deutschland sowie von Colt Canada. Die Unternehmen FN Herstal aus Belgien und Steyr Mannlicher aus Österreich werden als weitere Kandidaten gehandelt.

Heckler & Koch beteiligt sich an dem Ausschreibungsverfahren, obwohl das Verhältnis zum Ministerium belastet ist. Die Waffenschmiede wehrt sich vor dem Landgericht Koblenz gegen die Behauptung, das G36 habe Präzisionsprobleme. "Ziel ist es, gerichtlich verbindlich feststellen zu lassen, dass die behaupteten Sachmängel nicht bestehen", erklärt das Unternehmen. Es beteuert, das Sturmgewehr erfülle die technischen Lieferbedingungen. Außerdem teilt es mit: "Heckler & Koch wird sich an der neuen Ausschreibung gerne beteiligen, um auch weiterhin das Standardgewehr der deutschen Soldaten herstellen zu dürfen."

Für die Oberndorfer ist der Auftrag von großer Bedeutung: Heckler & Koch hat hohe Schulden. Für eine Unternehmensanleihe über 295 Millionen Euro musste der Mittelständler allein im Jahr 2013 Zinsen in Höhe von 28 Millionen Euro zahlen. Zuletzt war das Unternehmen von Ratingagenturen mit CCC bewertet worden, einem sogenannten Ramschstatus, der für ein hohes Ausfallrisiko von Krediten und Investments spricht. Zwar weist Heckler & Koch für 2013 einen Umsatz von 221 und ein "positives Finanzergebnis von 27,4 Millionen Euro aus. Für 2014 werde aber ein negatives Finanzergebnis erwartet, heißt es im Konzernabschlussbericht. Aktuellere Geschäftszahlen nennt das Unternehmen nicht.

Sig Sauer ist interessiert

Konkurrenten um den Großauftrag der Bundeswehr muss Heckler & Koch vor allem im Ausland fürchten – und im Norden der Bundesrepublik. "In Deutschland halte ich Heckler & Koch und Sig Sauer für die einzigen Kleinwaffenhersteller, die einen solchen Großauftrag stemmen können", sagt Arnold von der SPD.

Sig Sauer gehört einer Holding, die in der Schweiz, in den Vereinigten Staaten und in Eckernförde von ihren Tochterunternehmen Waffen produzieren lässt. "Sig Sauer hat großes Interesse an der Ausschreibung und wird sich auch daran beteiligen", heißt es bei dem Unternehmen.

Die Firma hat nach einem Bericht des Norddeutschen Rundfunks allerdings ebenfalls Probleme. So musste sie Kurzarbeit einführen, weil es an Aufträgen fehlt. Am Standort Eckernförde wurden zahlreiche Mitarbeiter in eine Transfergesellschaft ausgelagert. "Restrukturierungsmaßnahmen" nennt ein Sprecher den Vorgang und beteuert: Sig Sauer sei eine "finanziell gesunde Firma". 2014 habe der Umsatz 276,3 Millionen Euro betragen, der operative Gewinn vor Steuern rund 32 Millionen Euro.