DIE ZEIT: Klagen Sie eigentlich immer, wenn es möglich ist?

Christian Schertz: Wenn man Mandanten als Medienanwalt betreut, was ich jetzt schon seit fast 25 Jahren tue, muss man immer das Gesamtbild betrachten. Recht bekommen ist das eine, aber man muss sich fragen: Kann das ein Bumerang werden? Erinnern Sie sich, wie der Papst vor einigen Jahren gegen die Satire-Zeitschrift Titanic vorgegangen ist? Juristisch ein Sieg, aber die Titanic machte daraus einen Werbefeldzug zum eigenen Vorteil. Insofern habe ich es selbst auch laufen lassen, als Jan Böhmermann in seiner ZDF-Satire-Show einen Liliputaner als "Scherz-Anwalt Dr. Christian Witz" auftreten ließ, mit einer schwarzen Randbrille und Bart, der nur Laute von sich geben konnte. Letztlich habe ich die Persiflage als Kompliment empfunden.

ZEIT: Der DFB ist Ihr Mandant, und nach der ersten Titelgeschichte im Spiegel über die angeblich gekaufte WM in Deutschland griffen Sie das Nachrichtenmagazin mit einigem Getöse an. Viel ist davon nicht übrig geblieben.

Schertz: Zunächst einmal hat der Spiegel mit sehr viel Getöse seine Geschichte angekündigt, unter dem Stichwort gekauftes Sommermärchen, obwohl sich im Artikel selbst dazu keine Beweise fanden und der Spiegel in dem Text auch einräumte, dass er keine Beweise für einen Stimmenkauf habe. Das habe ich in der Tat massiv kritisiert, und dabei bleibe ich. Das hat nichts mit der Millionenzahlung des DFB zu tun, die der Spiegel aufgedeckt hat und wo die Umstände selbstverständlich geklärt werden müssen.

ZEIT: Nach dem Rücktritt von Wolfgang Niersbach hat die neue DFB-Führung diesen Rechtsstreit für beendet erklärt.

Schertz: Ja, der DFB hat sich entschieden, dies nicht weiter zu verfolgen, und das habe ich selbstverständlich im Sinne des Mandanten umzusetzen.

ZEIT: Der Rechtsanwalt Geir Lippestad, der den norwegischen Massenmörder Anders Breivik im Strafprozess verteidigt hat, sagte nach Beendigung des Mandats: "Ich habe für ein paar Jahre meine Seele verliehen. Jetzt habe ich sie zurückbekommen." Kennen Sie das Gefühl?

Schertz: Eigentlich nicht. Es gab Fälle, da habe ich am Ende gedacht: Das hätte ich besser nicht machen sollen. Wenn man etwa merkt, dass der Mandant einen angelogen hat. Aber als Medienanwalt hat das nie die Dimensionen wie bei einem Strafverteidiger. Da sind Fragen und Zweifel deutlich größer. Auch deshalb habe ich mich dagegen entschieden, Strafverteidiger zu werden. Ich habe früh begriffen: Strafverteidigung ist mir too much.

ZEIT: Was bedeutet: too much?

Schertz: Ich war als junger Anwalt einmal im Untersuchungsgefängnis, da war ich als Pflichtverteidiger bestellt worden. Es war in Moabit. Gekachelte Wände, es riecht nach Essen und Schweiß. Dazu die Schwere der Delikte. Das ist alles nichts für mich, dafür bin ich zu sensibel. Interessanterweise ist mein Bruder Matthias Vorsitzender einer Schwurgerichtskammer in Berlin, die sich ausschließlich mit Tötungsdelikten beschäftigt, vor dieser Verantwortung habe ich größten Respekt. Mir wird gerne vorgeworfen: Ach, der Schertz, das ist der "Anwalt der Schönen und Reichen". Dann sag ich schlicht und einfach: Ja, ich habe mich als Anwalt für den Persönlichkeitsschutz entschieden, und das betrifft halt oft Prominente. Wobei ich betonen möchte, dass wir auch ganz einfache Leute vertreten, die durch einen Schicksalsschlag in die brutale Medienmühle geraten sind, da arbeiten wir zuweilen auch auf Prozesskostenhilfe-Ebene. Ich kenne mich aus in Sachen "Schutz des Individuums in der Medienöffentlichkeit", das ist mein Spezialgebiet. Medienanwalt – das hört sich leicht und lässig an, in Wirklichkeit habe ich keinen Tag, an dem nicht unter höchstem Druck gearbeitet wird. Ich fühle mich manchmal wie ein Chirurg in der Notfallambulanz.