Ein Buch aus einem anderen Jahrhundert. Dem alten, in dem die meisten von uns geboren und aufgewachsen sind. Und das man den Jüngeren so schwer erklären kann. Damals, als die Mauer noch stand. Damals, als die Tage anders rochen. Als die Zeit anders verging. Als sich alles noch so anfühlte, als sei der Krieg eben erst zu Ende gegangen.

Diejenigen, die von dieser Zeit imprägniert wurden, werden jetzt langsam alt und bekommen graue oder im günstigeren Fall herbstblonde Haare. Und es wird Zeit für sie, sich noch einmal umzudrehen und der verschwundenen Jugend nachzuwinken. Joachim Meyerhoff, Thomas Gottschalk, Karl Ove Knausgård, Peter Richter, Hans Söllner und der Dichter Durs Grünbein veröffentlichen in diesen Wochen Bücher über ihr Leben im vorigen Jahrhundert. Selbstbetrachtungen, Kindheitserinnerungen, Autobiografien: Krisenzeiten wie diese sind besonders gute Zeiten für Memoirenliteratur. Wenn nichts mehr sicher und Überblick nur schwer zu haben ist, hält man sich an das Naheliegende: an das bisschen eigene Leben, das man selber erlebt hat. Die "autobiographischen Schauer", von denen der amerikanische Essayist David Shields in seinem Buch über den neuen Hunger nach Wirklichkeit in der Literatur (reality hunger) spricht, bringen das Echte und Authentische zurück. Im Schreiben über sich selbst und die stille Langeweile seiner Nachkriegsjugend spürt man wieder den Boden unter den Füßen.

Durs Grünbein allerdings ist ein zu erfahrener Autor, um nicht zu wissen, dass jede Autobiografie nachträgliche Erfindung ist, Dichtung und Wahrheit, und keineswegs "Reality". Der von vornherein vergebliche Versuch, die dahinrasende Zeit anzuhalten. Auch für Grünbein, geboren im Jahr 1962 in Dresden, ging wie für uns alle "die kostbare Zeit des Jungseins zu schnell vorbei". Als gefeierter Dichter lebt er seit Kurzem in Rom, wo er noch einmal tief in seine ostdeutsche Kindheit eingetaucht ist, obwohl er, wie er schreibt, gar nicht wirklich weiß, wie er sie sich zurückholen kann – "die verlorene, verlogene, sinnlos verplemperte Zeit" seines vergangenen Lebens. Und doch gelingt es ihm.

Auf über vierhundert autobiografischen Seiten rettet Grünbein viele Momente seines Dresdner Lebens vor dem endgültigen Verschwinden in der, wie er sehr dichterisch formuliert, "grabwärts ziehenden Zeit". In unchronologisch und kaleidoskopartig zusammengewürfelten Episoden erinnert er sich an die früheren Aggregatzustände des Ich. An den "kleinen Jungen mit dem zerbeulten Köfferchen aus braunem Pappmaché" auf dem Weg zu den Großeltern in Gotha. An den "tief in seine Jugendschwermut versunkenen Siebzehnjährigen mit den langen Haaren und dem lächerlichen Ziegenbart" auf der Suche nach Kafka-Büchern in den Prager Antiquariaten. An den jungen Dichter, der im Jahr vor der Abschlussprüfung in der Oberschule "mehr als fünfzig Sonette innerhalb eines Sommers aufs Papier geworfen" hatte und sich anschließend schämte für "die Euphorie und das Epigonale seiner Verse". Und an den jungen Wehrpflichtigen, der dem "Gestellungsbefehl" seines sozialistischen Vaterlandes nicht entkommt. Stets mit im Bild ist die Heimatstadt Dresden und im Hintergrund die "vor sich hin dämmernde Geisterbahnwelt" der späten DDR. Vor allem aber: die alte Lebensreformsiedlung Hellerau in der Dresdner Vorstadt, in der Durs Grünbein groß geworden ist. Mehr noch als vom eigenen Leben handelt das Erinnerungsbuch von dieser alten deutschen Gartenbaustadt, entworfen von den Architekten Richard Riemerschmid, Heinrich Tessenow, Hermann Muthesius, Kurt Frick und Theodor Fischer.

Hier, im einstigen Künstlerreservat – einer sagenumwobenen Gründung des deutschen Kaiserreichs, wo avantgardistische Kunst, Reformpädagogik und Ideen von einem besseren, gesünderen Leben und Arbeiten blühten –, lebte die Familie "auf einer bloßen Erinnerungshalde" in zwei Zimmern mit Garten. Von den großen Lebensträumen der Gartenbaustadtbewohner, die, wie Grünbein schreibt, "Arbeiten und Wohnen und das tägliche Draußensein einmal, wenigstens dieses eine Mal, in Einklang bringen" wollten, war im Arbeiter-und-Bauern-Staat so gut wie nichts übrig geblieben: "Ödeste Staatlichkeit legte sich wie Mehltau über die kleine Kommune, das missglückte sächsische Utopia versank in Spießertum und Tristesse".

Gleichwohl kommt der angehende Dichter in dieser historischen Enklave, in dem die Straßen Namen tragen wie Am Sonnenhang, An der Lehmkuhle oder Am Hellerrand, in den Genuss einer angenehmen und für seine berufliche Zukunft sicher nicht unvorteilhaften Weltverlorenheit. Er findet hier, und Grünbein drückt sich in seliger Erinnerung an diese Flucht aus der DDR-Moderne ein wenig altforstmeisterlich aus: "ein bescheidenes Glück im Grünen".

Selbst unter den ungünstigen Lebensbedingungen in einem Staat, der Anspruch auf die gesamte Existenz erhob, bot die Gartenkolonie ihren Bewohnern Schlupflöcher aus der beklemmenden Gegenwart, in denen man als Kind plötzlich "ins Bodenlose stürzen konnte, allein mit dem eigenen, wild schlagenden Herzen". Solche Hellerau-Epiphanien sind ein Geschenk, das die kümmerlichen Überreste der Lebensreform den Nachgeborenen gemacht haben, die hier für Augenblicke eine Auszeit vom Sozialismus fanden. Durs Grünbein war die zu DDR-Zeiten schon ziemlich ramponierte Oase des besseren Lebens "im Lauf der Jahre nacheinander als ein Märchendorf aus lauter Pfefferkuchenhäuschen erschienen, als eine Blockhaussiedlung im Irokesengebiet, als verschwunschene Waldrandkommune und Architekturwerkstatt". Mit anderen Worten: als eine Projektionsfläche für wechselnde Glücksentwürfe. Auch später noch, wenn der gereifte Lyriker nach einer "Zeit des nachholenden, beinahe hysterischen Reisens" gelegentlich in die Gartenstadt am Rande Dresdens zurückkehrte, löste der Anblick der verwitterten Lattenzäune der Siedlung das Gefühl aus, dass es möglich bleibt, jederzeit in die Märchen der Kindheit zurückzukehren wie Däumelinchen in den Blütenkelch.