Die Kritik an medizinischen Dissertationen befördert eine Reform des Promotionswesens. Der Neustart ist dringend erforderlich, sagt der emeritierte Medizinprofessor Peter Gaehtgens

Der Plagiatsverdacht gegen eine prominente Politikerin führt in der Presse zu heftiger Kritik am medizinischen Promotionswesen im Allgemeinen: Die medizinische Dissertation sei "akademische Ramschware", vielfach schlampig angefertigt, in der Regel wissenschaftlich minderwertig und werde ohnehin nicht gelesen. Diese pauschalen Urteile sind nicht berechtigt. Denn natürlich gibt es – nicht nur in den experimentellen Disziplinen der Medizin – inhaltlich hervorragende Doktorarbeiten. Trotzdem ist eine gründliche Revision des medizinischen Promotionswesens überfällig: Die Verstöße gegen elementare Regeln der Wissenschaft nehmen überhand, und dem Verlust akademischer Integrität muss Einhalt geboten werden. Weiteres Nichtstun ist nicht zu verantworten.

Dabei sollte die medizinische Dissertation jedoch unter einem fachspezifischen Blickwinkel betrachtet werden. Denn Arbeitsweisen und Veröffentlichungsformen sind keineswegs in allen Wissenschaftsbereichen gleich. In den Naturwissenschaften – einschließlich der wissenschaftlichen Medizin – besteht der Sinn einer Publikation in der Ergänzung oder Revision des bestehenden Wissens durch neue Messungen oder theoretische Berechnungen sowie deren Deutung. Der formulierte Text der Arbeit selbst ist dabei gegenüber den mitgeteilten Messergebnissen weniger wichtig, solange er diese inhaltlich präzise darstellt. Verweise auf die Veröffentlichungen anderer Autoren erfolgen in der Regel als paraphrasierende Beschreibung und – anders als in anderen Disziplinen – nur ausnahmsweise als wörtliches Zitat.

Gravierendes wissenschaftliches Fehlverhalten besteht daher vor allem im unzulässigen Umgang mit den erhobenen Befunden: Datenmanipulation, unautorisierte Übernahme von Ergebnissen unter Vortäuschung eigener Autorschaft oder gar Fälschung. Die wörtliche Übernahme von Teilen eines fremden Textes, beispielsweise der Beschreibung einer Messmethode etwa aus der Gebrauchsanweisung eines Geräts oder aus einer anderen Dissertation, ist zwar ohne direkte Quellenangabe nicht korrekt, wird aber vielfach nicht als gravierend empfunden. Das ist natürlich anders, wenn mit der Textkopie die Übernahme einer wissenschaftlichen Idee verbunden ist. Ein Textplagiat in der Medizin bedarf daher immer der Bewertung im Einzelfall, gilt aber per se nicht als so dramatisch wie in den Geistes- und Sozialwissenschaften, in denen Text und Sprache eine wichtigere Rolle spielen.

Zu einer differenzierteren Betrachtung des Problems gehört auch, dass die klinische Medizin, aus der die meisten der jetzt inkriminierten medizinischen Dissertationen stammen, neben den akademischen Aufgaben in Forschung und Lehre eine weitere Verpflichtung hat: die Versorgung kranker Menschen. Diese Aufgabe nimmt alle im Klinikbetrieb Tätigen intellektuell, emotional und physisch stark in Anspruch. Mediziner stehen daher unter einem erheblich größeren Entscheidungs- und Handlungsdruck als ihre Kollegen in den meisten, wahrscheinlich allen anderen akademischen Disziplinen. In der Konkurrenz mit der Betreuung von Patienten erhält die Betreuung von Doktoranden im Zweifel eine geringere Priorität – es ist eine Illusion, anderes zu erwarten. Promovendenbetreuung, Literaturstudium und sorgfältige Kontrolle von Texten fallen daher dem Zeit- und Bewährungsdruck im klinischen Alltag oft zum Opfer.

Dies ist zwar eine Erklärung für die Wirklichkeit, aber keine Entschuldigung. Die Kritik am medizinischen Promotionswesen ist eigentlich hilfreich für eine Reform. Bedauerlich ist jedoch, dass die vielfachen Anregungen – auch durch den Wissenschaftsrat – bislang nicht zu einer stringenten Veränderung der akademischen Qualifikationsverfahren geführt haben.

Zu einer umfassenden Reform unseres Promotionswesens, gerade in der Medizin, gehören die Sicherung einer besseren Betreuung und Beratung von Doktoranden, die Beachtung der Sorgfaltspflicht bei der Prüfung von Daten und Texten sowie eine fachspezifische Begutachtung nach Standards, wie sie im wissenschaftlichen Publikationswesen international gelten. Wir benötigen klare, die Fächerkulturen berücksichtigende Definitionen dessen, was als Verstoß gegen die akademische Integrität verstanden wird, sowie abgestufte Sanktionen für Verstöße. Es reicht nicht, in Promotionsordnungen nur Vorgaben für Doktoranden zu formulieren. Die Verantwortung des lehrenden akademischen Personals muss ebenso in den Blick genommen werden.

Auch die vielfach kritisierte "Massendoktorandenhaltung" (FAZ) und ihre Ursachen sollten Gegenstand verschärften Umdenkens sein: Muss tatsächlich jeder Chefarzt eines Krankenhauses habilitiert sein? Lässt sich seine akademische Qualifikation nicht anders als über Feierabendforschung und übermäßige Doktorandenzahlen herbeiführen? Sollte man wissenschaftliche Qualität nicht trotz aller Personal- und Finanzierungsengpässe besser durch zeitweise Freistellung von der Krankenversorgung sichern? Und sollte statt nachts und nebenher verfasster Dissertationen von eher fraglicher Bedeutung nicht grundsätzlich die Vorlage Peer-Review-geprüfter Veröffentlichungen in Fachzeitschriften gefordert werden? Und: Brauchen wir nicht endlich einen Doktortitel in der Medizin, dessen wissenschaftliche Qualität zweifelsfrei ist?

Die medizinischen Fakultäten in ihrer Gesamtheit stehen in der Pflicht, die akademische Integrität in ihrer ganzen Breite zu sichern, den kritischen Anmerkungen des Wissenschaftsrats zu entsprechen und die wissenschaftliche Medizin vor dem Reputationsverfall und den bissigen Kommentaren der Öffentlichkeit zu schützen. Vordergründig geht es nur um Plagiate, aber eigentlich geht es um viel mehr – um unsere wissenschaftliche Kultur. Im höchsteigenen Interesse der akademischen Medizin ist es dringend nötig, dass die Fakultäten sich entschlossen und grundsätzlich des Problems annehmen. Ihr eigener Anspruch auf alleinige Zuständigkeit für die Promotion verliert jede Rechtfertigung, wenn das nicht in überzeugender Weise geschieht.