Haben die Plagiate den Ruf des Doktortitels beschädigt?

Jedes Mal, wenn VroniPlag einen neuen Plagiatsfall in die Öffentlichkeit bringt, dürften das 200.000 Menschen in Deutschland mit besonders großer Spannung verfolgen – nämlich all die, die gerade selbst an einer Dissertation sitzen und um den guten Ruf des Titels bangen.

"Als der Fall Guttenberg publik wurde, hielt ich das für einen Ausrutscher, als danach aber immer neue Plagiate entdeckt wurden, habe ich gemerkt: Wir haben ein Problem", sagt die Vorsitzende des Promovierenden-Netzwerks Thesis, die Psychologin Anna Tschaut. Ihr Urteil ist hart: "In der Öffentlichkeit stehen wir jetzt alle unter Generalverdacht."

Dabei war der Doktortitel für viele Jahre ein ganz besonderes Symbol. Wer ihn trug, hatte in jahrelanger harter Arbeit seine akademische Exzellenz bewiesen. Heute halten Experten wie der Frankfurter Personalberater Heiner Thorborg den Titel für "hoffnungslos überbewertet", er plädierte, angesichts der "dünnen Bretter", die manche Doktoren bohrten, dafür, sich von der traditionellen Ehrfurchtshaltung zu verabschieden.

Für den Elitenforscher Michael Hartmann hat der Doktorgrad seinen Nimbus als "Adelstitel des Bürgertums" eingebüßt. Nach Ansicht des Soziologen, der bis vor Kurzem an der Technischen Universität Darmstadt lehrte, resultiere das jedoch eher daraus, dass immer mehr Menschen studierten und promovierten. Plagiate lösten zwar kurzfristig Empörung aus, gerieten aber auch schnell wieder in Vergessenheit, so Hartmann. Wie die Bevölkerung den Doktortitel sieht, ist unklar: Studien, die ein repräsentatives Bild der Stimmung zeichnen, fehlen.

Schlägt sich der angekratzte Ruf in einem niedrigeren Gehalt nieder?

"Promovierte erzielen nach wie vor weit höhere Einkommen", sagt Philip Bierbach, Geschäftsführer von Gehalt.de, einer Hamburger Vergütungsberatung, die für die ZEIT die Einkünfte von über 60.000 Akademikern analysierte. Danach verdienten Doktoren in den vergangenen zwölf Monaten 27 Prozent mehr Geld als unpromovierte Kollegen.

Selbst wenn Bierbach in seinen Daten bis 2011 zurückgeht – das Jahr, in dem die Plagiatsdebatte ihren Anfang nahm –, kann er wenig Ausschläge nach unten feststellen. "Wirkliche Einbrüche haben wir nur 2009 erlebt", sagt er. Das war der Beginn der Finanzkrise in Europa, was darauf hindeutet, dass Arbeitgeber ihre Entscheidungen eher von konjunkturellen als wissenschaftsethischen Erwägungen abhängig machen.

Welche Doktortitel sind besonders wertvoll?

Wie groß der Gehaltsunterschied zwischen Mitarbeitern mit Doktor und Mitarbeitern ohne Doktor ist, hängt sehr stark vom Fach ab. Besonders deutlich sind die Unterschiede bei den Juristen. Mit Promotion verdienen sie laut Gehalt.de rund 76.300 Euro und damit 39 Prozent mehr als ohne Titel (jeweils Median-Einkommen von Beschäftigten ohne Personalverantwortung).

Bei den Ingenieuren steigert die Promotion das Jahreseinkommen um rund ein Viertel auf 73.300 Euro. Gerade in der Autobranche oder im Maschinenbau sei die Extraanstrengung "hoch angesehen", sagt Christine Stimpel, Headhunterin bei Heidrick & Struggles in Düsseldorf. Und zwar selbst im Mittelstand, der nur dank kluger Köpfe am Weltmarkt punkten könne.

In der Medizin bringt die Promotion einen Sprung von 22 Prozent auf 80.500 Euro – allerdings ist der Titel so in der Tradition der Ärzte verankert, dass finanzielle Erwägungen bei der Entscheidung für die Promotion eine untergeordnete Rolle spielen dürften. Das Gleiche gilt auch in den Naturwissenschaften, wo eine Dissertation ein Plus von 15 Prozent und Jahreseinkünfte von 65.000 Euro bedeutet.