Der Edeka-Werbespot

Gestern im Büro guckte ich den neuen Edeka-Werbespot auf YouTube. Darin zu sehen: ein alter Mann, Winter, er hört den AB ab. Eine Nachricht von der Tochter, im Hintergrund ruft die Enkelin "Hallo Opa!", der Alte lächelt, aber dann sagt die Tochter, sie schaffe es dieses Jahr an Weihnachten leider wieder nicht nach Hause. Da guckt der Alte traurig. Einsam betrachtet er Fotos von der Kinder- und Enkelschar. Schneidet allein Karotten. Draußen liegt Schnee. Am Weihnachtsabend isst er das Festmahl solo. Wir begreifen: So geht es Jahr um Jahr. Schnitt: Shanghai, ein deutscher Geschäftsmann kriegt zwischen Terminen eine Nachricht auf sein Handy. Schnitt, eine berufstätige Mutter in Deutschland kommt gestresst heim, öffnet einen Brief: Traueranzeige. Schnitt, ein Arzt im OP-Kittel liest eine SMS, Schmerz rutscht in sein Gesicht. Wir begreifen: Die Kinder des Alten erfahren, dass er gestorben ist. Nie wieder Weihnachten ensemble. Wir sehen die Bestattung. Alle weinen. Und schließlich kommen sie in das Haus des alten Mannes, und da steht, hoppla, eine festlich gedeckte Tafel, alle sind baff, und dann kommt der Alte selbst hinter einer Tür hervor. Schock. "Wie hätte ich euch denn sonst alle zusammenbringen sollen, hm?", fragt er. Also: Doch keine Beerdigung! Stattdessen großes Weihnachtsfest, fette Gans, Gelächter und Umarmungen. "Zeit, heimzukommen", wird eingeblendet. "EDEKA".

Der Wahnsinn. Großes Kino. Don-Draper-Gut. Allein der Opa, menschgewordener Rauhaardackel, man will sofort streicheln. Nostalgie, Familie, Heimkehr im dunklen, von Identitätsverlustängsten geplagten Deutschland. Fässerweise Gefühl. Kompliment, Edeka! Mitten rein in die Sehnsüchte der Gegenwart. Mitten rein ins schlechte Gewissen: Seit Wochen nicht mit Mama telefoniert. Weihnachten, klar, säkularisiert, aber Familie ist doch heilig? So viel Zeit muss sein.

Das Filmchen verbreitete sich in Windeseile im Netz. YouTube-Werbung wird für den gesellschaftlichen Diskurs langsam wichtiger als der Tatort. Es gab Diskussionen. Ist das pietätlos? Oder wertefördernd? Ich selbst finde den Spot mies. Die Tränendrüse aktiviert, um ein paar Magerquark mehr zu verticken. Marketing-Fuzzis kolonialisieren die letzten Inseln aufrichtiger Gefühle. Pretty sad.

Das Computerspiel "Fallout 4"

Später kam ich nach Hause, aß etwas und lud dann meine Schrotflinte durch, denn man weiß ja nie, beziehungsweise, man weiß natürlich genau, auf meinen Wanderungen durch das Commonwealth musste ich bislang noch jedes Mal räudiges Gesocks aus dem Weg räumen, Pack, das mir ans Leder will, und da halte ich es derzeit mit der Schrotflinte, wobei ich auch das Plasma-Gewehr empfehlen kann. Ich habe nach dem Abendbrot also, statt, wie es sich gehören würde, noch mal meine Notizen zu Plutarchs Vitae Parallelae durchzugehen, Fallout 4 gezockt. In Fallout habe ich mir zunächst ein Süppchen aus Skorpionen gekocht, bevor ich in einer verfallenen Schule den Eingang zu einem Kellergewölbe entdeckte und die darin verschanzte Räuberbande samt und sonders über den Jordan schickte. Dem toten Hauptmann habe ich noch seinen metallenen Harnisch ausgezogen, weil der mir besser schien als mein eigener. Auf dem Rückweg begegnete ich einem rostigen Roboter, den ich anlog, worauf er mir sein Geld gab. Ich habe mich dessen nicht geschämt. Schließlich speicherte ich meinen Fortschritt und stellte zufrieden die Playstation aus. Es ließe sich einwenden, mein Abend sei recht blutig gewesen. Ich halte dagegen: Aber doch auch ungemein produktiv!

Alard von Kittlitz mag auch Miley Cyrus, Fela Kuti und Édouard Vuillard