Mit dieser Meinung steht die Mutter nicht allein da. Mehr als die Hälfte der Eltern melden ihre Kinder im fünften Schuljahr an einem Gymnasium an, jeder vierte unter ihnen tut das gegen den ausdrücklichen Rat der Grundschullehrer. Wer Eltern nach ihren Beweggründen fragt, hört, dass die Grundschullehrer ihr Kind einfach nicht einschätzen könnten; dass die Freunde auch aufs Gymnasium gingen; dass Großeltern und Nachbarn das eben erwarteten. Und oft, dass man es ja mal ausprobieren könne, ob das Kind es nicht doch am Gymnasium schaffe.

Man kann das hinterfragen. Aus Sicht des Schulsystems: Wenn die Hälfte der Schüler aufs Gymnasium geht, sind dann dort wirklich die besonders leistungsfähigen Schüler – oder ist es nicht eher die neue Gesamtschule? Und ist dann die Stadtteilschule wirklich eine "Schule für alle" oder nicht vielmehr die Erbin der Hauptschule als angebliche "Resteschule"? Und aus Sicht der Schüler: Ist es eigentlich sinnvoll, einfach mal auszuprobieren, ob das Gymnasium die richtige Schule ist?

Zurück in der Klasse 8e in Wilhelmsburg. Warum sind diese Kinder dem Ratschlag ihres Grundschullehrers nicht gefolgt? "Ich hab zwar eine Fünf im Zeugnis gehabt in der vierten Klasse, aber ich dachte, ich pack das auf dem Gymnasium", sagt eine Schülerin. "Die Stadtteilschule ist was für Doofe, dachte ich."

Kay Stöck schmunzelt. Er ist Schulleiter der Stadtteilschule am Stübenhofer Weg. "Die Vorurteile sind groß. Und die Mentalität ist weit verbreitet: Wir versuchen es mal", sagt er. Es klingt so harmlos, aber für seine Schule ist das eine organisatorische Herausforderung. Im vergangenen Jahr hat sie 45 Schüler vom Gymnasium in der siebten Klasse aufgenommen, in diesem Jahr 50. Mehrere Klassen wurden neu gebildet.

Viele Stadtteilschulen beschweren sich, weil sie die gescheiterten Gymnasiasten aufnehmen müssen. Kay Stöck sagt: "Ich bin froh, dass wir durch den Wechsel die klügeren Kinder auf die Schule bekommen. Die Frage ist eher: Wie schlimm ist der Schulwechsel für die Kinder?"

Es gibt unter Lehrern sehr unterschiedliche Meinungen dazu. Einige sagen, die enttäuschten Seelen brauchten nach zwei Jahren des Versagens mindestens sechs Monate, um wieder Zutrauen in die eigene Leistungsfähigkeit zu gewinnen. Andere halten das für übertrieben. In dem Alter tue ein Wechsel vielen sogar gut.

"Wie war es denn bei euch?", fragt Stöck die Schüler der 8e. "Ich hab gedacht, ich bin doof", sagt ein Junge. "Man ist dann ja der Außenseiter auf dem Gymnasium, der Versager, der zu dumm ist." Andere Kinder nicken. Ein Mädchen sagt: "Man fühlt sich schlecht. Vorher war man stolz, Gymnasiast zu sein. Und dann hat man das nicht gepackt." Und ein Junge ergänzt: "Auf dem Gymnasium haben mir die Lehrer nie die Aufgaben erklärt – deswegen habe ich nix kapiert."

Er trifft damit einen Kernpunkt der Debatte. Viele Stadtteilschullehrer beschweren sich, die Gymnasiallehrer würden sich keine Mühe geben, die Kinder zu fördern, weil sie ja ohnehin alle nach der sechsten Klasse abschieben können. Gymnasiallehrer halten dagegen, es sei für ein Gymnasium mit den engen Lehrplänen unzumutbar, in den ersten beiden Jahren Kinder zu unterrichten, die schon in der Grundschule mehrere Fünfen haben. Einige würden sich wünschen, dass die Empfehlung der Grundschullehrer wieder verbindlich werde.

Aber wäre das die Lösung?