Für solche Stunden braucht es aber eine weitere Lehrkraft. Und daran mangelt es. 3.200 zusätzliche Pädagogen hat NRW den Schulen bis 2017 für die Inklusion versprochen. Das macht, grob überschlagen, eine halbe Kraft pro Schule. Da das Franz-Stock-Gymnasium bisher aber nur vier Sonderschüler hat, muss es sich mit noch weniger begnügen. Nur an zwei Tagen unterstützt Sonderpädagogin Katja Vorel das FSG. Den Rest der Woche verbringt sie weiterhin an der Sonderschule ein paar Kilometer entfernt.

Freiwillig hat sich Katja Vorel nicht für diese Aufgabe gemeldet. Ein Gymnasium ist so ungefähr das Letzte, was sich Sonderpädagogen als Arbeitsplatz wünschen. Die Oberschulen gelten als elitär und selektiv, ihre Lehrer – Philologen! – als arrogant, während es auf den meist kleinen Förderschulen kuschelig und kooperativ zugeht. Doch für Katja Vorel dauerte es nicht lang, bis sich das Bild wandelte: "Die Kollegen sind offen und wollen von mir etwas lernen."

Auch die Gymnasialschüler haben die Sonderpädagogin überrascht. Zwar haben sie schnell bemerkt, dass ein paar in der Klasse etwas anders sind als der Rest. Doch von blöden Sprüchen oder gar Mobbing gebe es "nicht die geringste Spur", sagt Vorel. Tatsächlich argumentieren Experten wie Clemens Hillenbrand von der Universität Oldenburg, dass gerade Gymnasien wegen ihres meist guten Sozialklimas für die Inklusion geeignet seien. Die Franz-Stock-Schule scheint diese Theorie zu bestätigen.

Die neue Nähe von Schülern und Lehrern, die früher nichts miteinander zu tun hatten, steht auf der Habenseite der Inklusion. Das sagen alle, als sich Ende November das Inklusionsteam im Schulleiterzimmer zu einer ersten Zwischenbilanz versammelt. "Bisher läuft es besser als gedacht", sagt Mathelehrer Koch. Die Klasse, die er vor zwei Jahren übernehmen musste – normale, aber äußerst unruhige Gymnasialkinder –, habe ihn anfangs mehr Nerven gekostet.

Auch über einen weiteren Gewinn der Inklusion ist sich die Runde einig. "Man bekommt einen besseren Blick für den einzelnen Schüler", sagt die Koordinatorin für die Erprobungsstufe, Marion Brügge. Ohnehin hört man am FSG häufig Sätze, die für ein Gymnasium immer noch nicht selbstverständlich sind. Hieß es früher: "Wer bei uns nicht zurechtkommt, sollte besser gehen", heißt es jetzt: "Wir müssen mit den Kindern arbeiten, die wir haben."

Das kostet Zeit und Kraft und verlangt viel Fantasie. Zwar haben die Inklusionsklassen im Schnitt fünf Schüler weniger. Aber die Lehrer sind die meiste Zeit auf sich allein gestellt. Niemand erwarte, dass der gesamte Unterricht doppelt besetzt sei, sagt Sonderpädagogin Katja Vorel. Aber ihre neun Stunden pro Woche seien "definitiv zu knapp". Zumal sie auch Zeit brauche, sich mit ihren Gymnasialkollegen über die Unterrichtsvorbereitung zu beraten.

Allein mit der Zauberformel von der "Individualisierung des Unterrichts" lassen sich die riesigen Unterschiede zwischen den Schüler also nicht weghexen. In der fünften Klasse mag es noch ein paar Anknüpfungspunkte für die Förder- und Gymnasialschüler geben. Später driften die Lehrpläne immer weiter auseinander. Während die einen Schüler in Richtung höhere Bildung streben, brauchen die anderen erste Berufserfahrungen und Lebenspraxis. Bald soll das Gymnasium dafür eine Lehrküche bekommen.

Um drei ihrer neuen Schützlinge machen sich die Lehrer keine großen Sorgen. Alpay dagegen kommt schon jetzt nicht ohne jemanden an seiner Seite aus, der ständig erklärt, motiviert, bändigt. Bislang übernimmt das meist eine junge Sozialarbeiterin. Sie wird über einen Extratopf bezahlt, ein Glücksfall, der eigentlich nicht vorgesehen ist im System. Doch der Job endet mit dem Schuljahr. Die Schule hofft dann auf einen offiziellen Schulhelfer für den Jungen oder zumindest einen FSJler. Wenn niemand kommt, wird Alpay am Ende vielleicht doch auf eine Förderschule wechseln müssen. In drei Fällen hätte die Inklusion dann funktioniert, in einem wäre sie gescheitert.

Vielleicht ist das die größte Hürde auf dem Weg zur Inklusion, ob auf dem Gymnasium oder anderswo: die vielen Ungewissheiten und Eventualitäten, die erst unterwegs auftauchen und die ohnehin vorhandene Angst vor dem Neuen und Unbekannten noch verstärken. Bisher ist die Lernkurve der Lehrer am Franz-Stock-Gymnasium steil und die Motivation hoch. Irgendwann jedoch wird die Anfangsenergie verbraucht sein. Dann muss es Routinen geben und feste, verlässliche Hilfen, um alle Lehrer mitzunehmen, auch die weniger inklusionswilligen. Sonst werden Alpay und die anderen irgendwann doch hinten sitzen, in der letzten Reihe.

* Namen der Kinder verändert

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