Theologie gegen den Terror – Seite 1

Je weniger ein Mensch weiß, desto anfälliger ist er für jede Form der Manipulation", sagt Emel Löffelholz. Die junge Muslima studiert Islamische Theologie in Erlangen. Sie möchte Hauptschullehrerin werden – und mehr über ihren eigenen Glauben lernen: "Es gibt vieles, was ich wissen wollte und nicht wusste." Der Kinder- und Jugendglaube genügte ihr irgendwann nicht mehr, auch Familie und Freunde hatten nicht ausreichend zufriedenstellende Antworten: "Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte zu suchen; was zuverlässige Quellen sind." Und dann waren da die Bilder aus dem Fernsehen: "Ich habe mich immer wieder gefragt, ob der Islam wirklich so grausam sein kann, ob es nur um Unterdrückung geht und ob der Koran nur als Ansammlung von Gesetzen gesehen werden kann – ob man unhinterfragt alles so leben muss, wie es da steht." Emel Löffelholz stieß auf das Erweiterungsfach Islamische Theologie und hat dort "fundierte Aussagen und neue Denkanstöße" gefunden.

Es ist eines der jüngsten Fächer an deutschen Universitäten und sicherlich eines der umstrittensten. Schon zum offiziellen Start im Jahr 2011 waren die Erwartungen riesig. In den zurückliegenden Monaten sind sie eher noch gestiegen – ebenso wie die Enttäuschungen und Rückschläge. Vor vier Jahren nannte die damalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan die Etablierung der Islamischen Theologie an den Hochschulen einen "Meilenstein für die Integration". Die Wunschvorstellung: Islamische Theologen sollen als Vermittler zwischen den Muslimen und der Mehrheitsgesellschaft auftreten. Den einen sollen sie grundlegende Werte und Ideale vermitteln, den anderen den Islam erklären und näherbringen. Sie sollen Vorurteile abbauen, Konflikte lösen, Radikalisierungen verhindern – am besten alles gleichzeitig.

So mancher Vertreter des Fachs hätte es bestimmt gern eine Nummer kleiner gehabt. "Die Erwartungshaltungen, die teilweise von Politik und Medien aufgebaut werden, sind einfach nicht zu leisten", sagt Bülent Ucar, Direktor des Instituts für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück. Er sieht die Islamische Theologie in der Aufbauphase, noch lange nicht in der Etablierungsphase: "Es gibt große Probleme und Konflikte – es gibt auch sehr, sehr viele Vorbehalte von muslimischer wie nichtmuslimischer Seite."

Dass das Fach an deutschen Unis Einzug hielt, war eine politische Entscheidung. Bildungspolitiker sprachen von "Integration", "Beheimatung" und wünschten sich, dass die Wissenschaft dazu beiträgt, dass Muslime "einen Platz in der Gesellschaft finden". Auf Empfehlung des Deutschen Wissenschaftsrats wurden vier Standorte etabliert: Erlangen-Nürnberg, Frankfurt-Gießen, Münster-Osnabrück und Tübingen. Die bundesweit rund 1.500 Studierenden können Bachelor- oder Masterabschlüsse machen, im Erweiterungsfach studieren oder auf Lehramt. Nicht erst, seit in jüngster Zeit viele tausend muslimische Kinder nach Deutschland fliehen, suchen die Schulen dringend Lehrer für islamischen Religionsunterricht. Zudem sind an den Zentren Weiterbildungen für Imame angesiedelt; allerdings nicht die grundständige Ausbildung der Religionsgelehrten – diese findet außerhalb der Universitäten statt.

Anders als die wertneutrale Islamwissenschaft ist das neue Fach bekenntnisorientiert – vergleichbar mit evangelischer und katholischer Theologie oder den Jüdischen Studien. Damit sind mindestens drei Herausforderungen verbunden: eine emotionale, eine fachliche und eine organisatorische.

Punkt eins – die Gefühlslage: "Viele Menschen haben Ängste – sie assoziieren den Islam mit Gewalt, menschenfeindlichen und frauenfeindlichen Aspekten", sagt Mouhanad Khorchide, Lehrstuhlinhaber für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster. "Wir dürfen die Deutungshoheit über den Islam nicht den Extremisten und auch nicht den Islamkritikern überlassen, sonst wird das negative Bild nur noch negativer." Khorchide will gemeinsam mit seinen Kollegen daran arbeiten, "ein aufgeklärtes Bild vom Islam zu kommunizieren, und damit aus der Theologie heraus etwas verändern". Die Beteiligten müssen aber nicht nur nach außen Überzeugungsarbeit leisten, sondern auch nach innen: "Es ist nicht nur so, dass die Mehrheitsgesellschaft uns kritisch beäugt, sondern auch islamische Institutionen sind sehr kritisch", sagt Bülent Ucar. Der Osnabrücker Professor, Anfang Oktober mit dem Bundesverdienstkreuz für seine Pionierarbeit in der Islamischen Religionspädagogik ausgezeichnet, spürt die Sorge von Muslimen, "dass an der Uni ein zahnloser Euro-Islam geschaffen werden soll, ein Hof-Islam, der nicht mehr authentisch ist".

Herausforderung Nummer zwei – die Inhalte: Koranexegese, Recht, systematische Theologie, Bildungsforschung, Ideengeschichte – Fragestellungen gibt es genug. Selbstredend soll die Islamische Theologie wissenschaftlich fundiert sein. "Wir müssen den Studierenden das Werkzeug an die Hand geben, sodass sie theologische Inhalte in der islamischen Tradition kritisch reflektieren können", sagt Mouhanad Khorchide. Sein Anliegen ist es, theologische Positionen nicht einfach zu übertragen, sondern weiterzuentwickeln. Natürlich geht es dabei auch um die Frage, welches Gewaltpotenzial im Islam steckt. Wie wörtlich der Koran zu verstehen ist. Und wie es um das Verhältnis von Religion und Politik steht. Die eine, wahre Lehre, formelhafte Dogmen – das ist den fortschrittlichen Vertretern der Islamischen Theologie fremd. "Die Studierenden sollen rationale Argumente für ihren Glauben finden, sodass sie ihre Religiosität verantworten können." Khorchide unterscheidet zwischen "menschenfreundlichen Positionen und instrumentalisierten menschenfeindlichen Angeboten". Und er erzählt von einer Lehrveranstaltung über Gottesbeweise. Da würden manche wissen wollen, warum das ein Thema sei – sie würden doch an Gott glauben. Fragen, nachdenken, diskutieren – was in mancher Moscheegemeinde vielleicht unüblich ist, ist an der Uni erwünscht.

Mouhanad Khorchide ist im Libanon geboren, studiert hat er unter anderem Islamische Theologie und Soziologie. Mit seiner liberalen Haltung hat sich der Autor des bekannten Buches Islam ist Barmherzigkeit Feinde gemacht. Er bekam Morddrohungen und steht unter Polizeischutz. Seine Lehre, den Koran historisch-kritisch zu lesen, verwässere den Glauben, meinen Traditionalisten. Immerhin gilt der Koran im Islam als Gottes Wort. "Was würde Gott uns erzählen, wenn heute der Koran verkündet werden würde?", entgegnet Mouhanad Khorchide: "Die Herausforderung ist, wie gehen wir im 21. Jahrhundert mit einem Buch um, das im siebten Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel verkündet wurde, das eine Sprache und Bilder aus dem damaligen Kontext verwendet." Der Religionssoziologe sagt, die historisch-kritische Methode werde im Islam zunehmend akzeptiert.

Manche Studierende teilen nicht, was gelehrt wird

Zu rosig will sein Frankfurter Kollege Harry Harun Behr das Bild der Islamischen Theologie indes nicht zeichnen. Manche Studierenden seien kaum bereit, sich auf andere Sichtweisen als die eigene einzulassen, und damit ungeeignet fürs Studium: "Es gibt tatsächlich Studierende, die während eines Seminars Kopfhörer im Ohr haben und Koransuren hören, damit sie nicht mitkriegen, was diskutiert wird", berichtet der Professor für Religionspädagogik. "Die sagen mir kaltschnäuzig ins Gesicht: Ich hole mir meinen Schein ab, aber das, was ihr hier lehrt, teile ich nicht." Behr fordert härtere Auswahlkriterien und strengere Prüfungen.

Was direkt zu Herausforderung Nummer drei der Islamischen Theologie führt – der Organisation. Ein neues Fach braucht eine Studienordnung, Personal und eine Verortung innerhalb der Bildungspolitik und der Hochschulen. Daneben sollen die Dozenten lehren, forschen, ihre Inhalte nach außen vertreten – am besten alles gleichzeitig. Bülent Ucar aus Osnabrück appelliert: "Man muss der Islamischen Theologie viel mehr Zeit geben, bis sie sich im wissenschaftlichen System verfestigt." Zumal verschiedene Akteure mitspielen wollen: Natürlich der Bund und die Länder, die das Fach finanziell fördern. So unterstützt das Bundesbildungsministerium die vier Zentren für Islamische Theologie über fünf Jahre mit rund 19 Millionen Euro. Und dann sind da noch die muslimischen Verbände. Über sogenannte Beiräte entwickeln die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib), der Koordinationsrat der Muslime, der Islamrat und der Zentralrat der Muslime die Lehrinhalte mit und haben ein Mitspracherecht bei der Besetzung von Lehrstühlen. Denn das liegt in den theologischen Fächern in der Hand der Religionsgemeinschaften, und der Islam ist nicht zentral organisiert. Über den Einfluss der Verbände gibt es immer wieder einmal Streit, nicht zuletzt um die Person Mouhanad Khorchide an der Uni Münster. Auch so manchem Verbandsvertreter sind dessen Thesen zu liberal.

Allen Widrigkeiten zum Trotz zeigt sich die Politik zufrieden damit, wie sich das junge Fach entwickelt. "In zwei, drei Jahren können nicht sämtliche Fragen beantwortet sein", sagt Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesbildungsministerium. Deshalb will der Bund die Islamische Theologie weiter fördern. Nun kommen die vier Zentren offiziell auf den Prüfstand: "Durch eine Evaluation wollen wir wissenschaftlich fundierte Antworten darüber bekommen, wie die bisherige Wegstrecke war, welche Fehler gemacht worden sind und welche Veränderungen vorgenommen werden müssen", erklärt Staatssekretär Rachel. Anschließend will das Ministerium entscheiden, in welcher Form es die Förderung in einer zweiten Phase verlängert. Neben den Standorten könnten bestimmte Projekte stärker in den Fokus rücken – um die Forschung zu intensivieren, wie es verschiedene Experten fordern.

Ein zentraler Bestandteil wird sicherlich die Lehrerausbildung bleiben, gerade angesichts der hohen Zahl muslimischer Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. "Wer im Themenbereich Migration Förderanträge bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft stellt, rennt offene Türen ein", sagt Behr. Gleichzeitig nimmt der Bedarf an Politikberatung und an Fortbildungen für Sozialarbeiter zu. Religion und Kultur der Muslime spielen in der Gesellschaft eine immer wichtigere Rolle. "Das Bild des Islam in Deutschland muss auf jeden Fall erweitert werden", sagt die Erlanger Studentin Emel Löffelholz. Und meint damit sowohl das Bild der Muslime als auch das der Nichtmuslime.