Zu den großen Hoffnungen der frühen 1990er Jahre zählte die auf eine Friedensdividende. Die Ost-West-Konfrontation war beigelegt, die möglichen territorialen Fragen Deutschlands waren geklärt, Russland schien zu einem Partner zu werden. Tatsächlich hat sich die Bundesrepublik über viele Jahre die Friedensdividende genehmigt. Mitte der sechziger Jahre betrug der Anteil der Verteidigungsaufwendungen am Bundeshaushalt fast 25 Prozent, 1990 waren es 15, derzeit sind es noch gute 10 Prozent. Auch die Wehrpflicht wurde wie in den meisten westlichen Demokratien ausgesetzt. Was Theodor Fontane im Stechlin 1898 schrieb, das ist endlich Wirklichkeit geworden: "Aus der modernen Geschichte, der eigentlichen, der lesenswerten, verschwinden die Bataillen und Bataillone."

Aber wenn sie auch verschwunden sind, so ist ihnen doch der Friede nicht gefolgt. Dies, die "Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert", ist das Thema des neuen Buches von Herfried Münkler: Kriegssplitter. Der Titel ist klug gewählt. Kriege und Feldzüge, wie die Deutschen sie aus der Geschichte kennen, scheinen nicht mehr unser Problem (obgleich auch das nicht ganz sicher ist), aber in kleinerer, irregulärer Form zieht die Gewalt weiter durch unser politisches Leben. Das traditionelle Bild vom Krieg ist das des "Westfälischen Systems". Mit dem Frieden von 1648 wird der Staat zum Monopolisten militärischer Gewalt, die Zeit der privaten Kriegsunternehmer, die im Dreißigjährigen Krieg eine so große Rolle spielten, geht zu Ende. Politische Herrschaft ist territorial verfasst, Staaten treten im Kriegsfall als "politische Körper" gegeneinander an. Sich an die Regeln des Krieges zu halten ist unter dieser Voraussetzung nur sinnvoll: Beide Seiten sind ähnlich verwundbar, wer die Regeln bricht, provoziert zu Lasten des eigenen Landes eine gleichartige Reaktion des Gegners.

Krieg zu führen ist teuer geworden, allein Staaten können die nötigen Summen aufbringen. Das 20. Jahrhundert steigert die Kosten weiter. Selbst die Sieger von 1918 sind ruiniert. So kommt der Staatenkrieg schon wirtschaftlich zu seinem Ende. Aber auch die moralischen Faktoren wirken in die gleiche Richtung: Das heroische Selbstbild, das die soldatische Existenzform auszeichnete, ist verdampft, nicht zuletzt demografisch: Gesellschaften mit geringer Reproduktionsrate können sich Heldentum nicht leisten.

Aber anderswo lebt der Traum vom Heldentum weiter, allerdings nicht unbedingt in der militärischen Bewährung. Der Krieg als Duellsituation prinzipiell gleichwertiger Gegner hat seine Zeit hinter sich. Allein die USA sind wirtschaftlich wie technisch noch imstande, einen Feldzug zu führen. Wer ihnen entgegentreten will, muss es auf dem irregulären Weg tun, als Guerillakämpfer oder Terrorist. Münkler sieht das kühl. Er spricht über Gewalt und Gewaltdämpfung weniger moralisch als in den Kategorien von Bedingung und Folge. Und so rechtfertigt er auch den Drohnenkrieg. Der irreguläre Kämpfer hat die Zeit auf seiner Seite, er kann warten. Die modernen Gesellschaften des Westens mit ihren ökonomisch inspirierten Effizienzerwartungen wollen rasche Erfolge sehen. Schon vor Jahren hat der Historiker Niall Ferguson die amerikanische Außenpolitik so kritisiert: Die Öffentlichkeit sei rasch zu einem militärischen Eingreifen zu überreden. Aber die Bereitschaft, den begonnenen Kampf über Jahre hinweg durchzustehen und die damit verbundenen Opfer hinzunehmen, die fehle ihr.

Da kommen die Möglichkeiten des Drohnenkrieges gerade recht. Seine Organisatoren können sich Zeit nehmen. Sie sind persönlich nicht gefährdet, weil auf dem Schlachtfeld abwesend, sie können relativ genau agieren, die Verluste unter der Zivilbevölkerung sind gering, geringer jedenfalls als bei einer Bombardierung durch Kampfflugzeuge. Es bleibt allerdings "das Problem der aufgelösten Reziprozität von Töten und Getötetwerden". Münkler hält das nicht für ausschlaggebend, er sieht hier die passende Antwort auf die terroristische Kampfweise. Der Westen gewinne im Drohneneinsatz jene Zeit zurück, deren Besitz die Stärke der irregulären Kämpfer ist. Das zu kritisieren verrate einen überholten Standpunkt, "die Ethik einer vorbürgerlichen Gesellschaft mit heroisch-nostalgischen Idealen".

In solch unerschrockenen Bemerkungen fasst man die Stärken Münklers auch in seinem jüngsten Buch, selbst wenn es nicht sein bestes ist. Es ist nicht so gründlich gearbeitet wie das über den Ersten Weltkrieg, es gibt lästige Wiederholungen, man merkt dem Buch an, dass es in Teilen aus älteren Überlegungen besteht, auch insofern also "Kriegssplitter". Und doch ist der Autor auch hier gedankenvoll, ihm fällt etwas ein. Höchst interessant, wie er in den alten See- und Landmächten die immer noch eigentümlichen Reflexe beobachtet: Es seien die Seemächte, gewohnt in Handelsverbindungen und Schifffahrtsrouten zu denken, die für die neuen, "fluiden" Tatsachen der Wirtschaft, des Netzes, der moralischen Einflussnahme mehr Sinn haben als die Landmächte. Auch das fortwirkende Splitter.

Und so wird es auch mit dem Ideal heroischen Kampfes sein. Etwas Archaisches ist gewiss daran. Ganz unsinnig ist es nicht, denn in der Vorstellung der heroischen Auseinandersetzung, dem Zweikampf, als dessen erweiterte Form Clausewitz den Krieg verstand, lebt eine Vorstellung von Fairness, auf die man nicht leicht verzichtet. Münkler selbst bringt es zuletzt düster zur Sprache: "Was ist ethisch zu bevorzugen, wenn man selbst nicht die Kämpfer hat, die man in entsprechender Zahl opfern kann: ihr Ankauf aus anderen Gesellschaften oder ihre Ersetzung durch hochmoderne Waffensysteme? Das ist die Schlüsselfrage in der Debatte über die Ethik des Krieges." Die Verletzung der Reziprozität durch die Drohnen wird erlebt als Missachtung des Gegners. Das dürfte es weiter erschweren, irgendwann mit ihm zu einem Frieden zu kommen. Aber vielleicht laufen wir derzeit auf Gegnerschaften zu, in denen ein Frieden kaum mehr vorstellbar ist?

Herfried Münkler: Kriegssplitter. Die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert; Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2015; 396 S., 24,99 €, als E-Book 21,99 €