Die Schule der Zukunft? Eine Zentralheizung! Regulierbar bis ins kleinste Detail. So schreibt es Walter Herzog, der emeritierte Professor für Erziehungswissenschaften an der Uni Bern. Wenn die Entwicklung weitergehe wie geplant, gebe es in den Klassenzimmern bald nur noch ein Ziel: einen reibungslosen Betrieb. Der Unterricht werde standardisiert und messbar, die Vorgaben für die Lehrer rigid. Schüler, Lehrer, Bildungsbeamte wie Politiker seien nur noch am Output interessiert.

Diese düstere Zukunftsvision hat einen Namen: Lehrplan 21. Das schreiben Herzog und eine Gruppe um den Bieler Lehrer Alain Pichard in einer Kampfschrift, die diese Woche in den Druck geht. Der Lehrplan sei ein Kontrollorgan, "das bis auf die Ebene des Schülerlernens in den Unterricht eingreift und die Illusion erzeugt, das Schulsystem lasse sich wie eine Zentralheizung regulieren". Ja, das Projekt trage reaktionäre Züge. Deshalb sei es Zeit für einen "geharnischten Einspruch". Nicht wie bis anhin nur von rechter und konservativer Seite, sondern auch von links.

Doch man fragt sich: Standen die 13 Herren und die drei Damen je selber in einem Schulzimmer? In diesen Räumen, in denen vor allem anderen einer dominiert: der Lehrer.

Seine Art, seine Philosophie, seine Gestaltungskraft, sein Eigensinn prägen jedes Schulzimmer. Von der kunterbunten Chaos-Stube bis zum aseptisch ordentlichen Lernlabor, in dem kein Scherenschnitt die Konzentration trübt und kein Mucks geduldet wird. In kaum einem anderer Berufsstand ist die Persönlichkeit so wichtig. Jedes Kind kapiert noch vor dem Einmaleins: Die Schule ist so gut wie meine Lehrerin. Und jeder Schulleiter weiß, wie wenig sich die Individualisten in ihr Kerngeschäft reinpfuschen lassen: den Unterricht, die einzelne Lektion.

Daran wird auch der Lehrplan 21 nichts ändern. Das zeigen die ersten Erfahrungen aus dem Kanton Basel-Stadt, in dem seit August nach den neuen Zielen unterrichtet wird.

Doch in den Dystopien der Lehrplan-Gegner wird die Schule zur Maschine, der Lehrer zum willenlosen Rädchen im Getriebe. Die Kritiker schießen so weit übers Ziel hinaus, dass man beinahe übersieht, wo sie im Kern recht haben.

Etwa in ihrer Sorge darum, dass, wo nach denselben Zielen unterrichtet wird, Erfolg gemessen und Schulen miteinander verglichen werden können. Oder dass Lehrer, die sich schon jetzt mit ihren hohen Gymi-Übertrittsquoten brüsten, künftig ihre Schüler für den Test fit trimmen werden.

Die große Mehrheit der Lehrer wird aber auch in Zukunft mehr erreichen wollen als nur einen guten Notenschnitt am Ende des Schuljahrs. Und an der Politik liegt es, dafür zu sorgen, dass sorgsam mit Prüfungsdaten umgegangen wird, die eine solche "neue Testkultur" mit sich bringen würde. So wie in Basel, wo das Schulgesetz angepasst wurde, damit solche Daten vom Öffentlichkeitsprinzip ausgenommen sind.