Wenn er geahnt hätte, dass er einmal Reichskanzler werden würde, hätte er Mein Kampf nicht geschrieben, hat Hitler gelegentlich geäußert. Doch das war Koketterie. Der Vorsitzende der NSDAP war sichtlich stolz auf sein Werk und verschenkte es gern mit persönlicher Widmung. Das Buch machte ihn nicht nur zu einem reichen Mann, es war auch wichtig für seine Karriere, denn es half ihm, seinen Führungsanspruch in der völkisch-rechtsextremen Szene zu behaupten und sich zu einer Erlöserfigur zu stilisieren: Politiker wie er, die Praktiker und Theoretiker in einem seien, träten in der Weltgeschichte nur äußerst selten auf, erklärte er vollmundig .

Doch inwieweit ist Mein Kampf überhaupt Hitlers Werk? Hatten womöglich andere mitgeschrieben oder zumindest Einfluss auf das Manuskript genommen? Da der Münchner Bierkellerdemagoge zuvor als Schriftsteller nicht hervorgetreten war (obwohl er sich schon früh als einen solchen bezeichnete), lagen derlei Vermutungen nahe. Befördert wurden sie durch die verwickelte Entstehungsgeschichte.

Dass der von November 1923 an in Landsberg einsitzende Putschist an einem Buch arbeitete, erfuhr die Öffentlichkeit Anfang Juli 1924 in einer Presseerklärung. Darin bat Hitler seine Anhänger, die in den Monaten zuvor zu Hunderten zum Festungsgefängnis am Lech gepilgert waren, von künftigen Besuchen abzusehen, da er sich ganz der Fertigstellung seines Manuskripts widmen wolle.

Die Vorarbeiten reichten zurück bis in die ersten Wochen der Haft. Bereits bei seiner ersten Vernehmung durch den Staatsanwalt Mitte Dezember 1923 hatte Hitler mitgeteilt, er wolle eine umfangreiche Denkschrift verfassen, in der er seinen Gegnern "die Maske vom Gesicht reißen" werde. Diese Denkschrift ist nicht erhalten, ihr Inhalt aber lässt sich den ausschweifenden Reden entnehmen, die der Angeklagte im Prozess vor dem Münchner Volksgerichtshof von Ende Februar bis Anfang April 1924 hielt – das Tribunal als Bühne für seine Agitation nutzend. Ursprünglich dachte Hitler demnach vor allem daran, mit all jenen in der bayerischen Politik abzurechnen, die ihn erst unterstützt, dann aber nach dem Putschversuch am 8./9. November 1923 fallen gelassen hatten wie eine heiße Kartoffel. Daraus wurde eine Abrechnung in weit größerem Stil.

Anfang Juni 1924 kündigte der parteieigene Eher-Verlag in einer Werbebroschüre das Erscheinen des Buches bereits für Juli an, und zwar unter dem Titel 4½ Jahre Kampf gegen Lüge, Dummheit und Feigheit. Eine Abrechnung von Adolf Hitler. Doch die Veröffentlichung ließ auf sich warten, denn Hitler hatte sich entschlossen, das Buch zu erweitern zu einer Kombination aus Autobiografie und Programmschrift. Dies bot ihm die Chance, seine wenig rühmlichen Jahre als Gelegenheitsmaler vor 1914, über die allerlei Gerüchte kursierten, umzudeuten in die Geschichte einer historischen Sendung, die er, das vom Leben gehärtete Künstlergenie, nunmehr als "Führer" der Bewegung zu erfüllen habe.

Eine der zählebigsten Legenden im Zusammenhang mit der Entstehung von Mein Kampf lautet, Hitler habe den Text dem Mithäftling Rudolf Heß, nach 1933 sein Stellvertreter, in die Schreibmaschine diktiert. Diese Version geht zurück auf den Erinnerungsbericht eines ehemaligen Gefängniswärters und wurde ungeprüft von vielen Biografen übernommen. Tatsächlich tippte Hitler das Manuskript selbst; wie bei der Vorbereitung vieler seiner Reden hatte er sich zuvor Stichworte notiert. Rudolf Heß fungierte weder als Sekretär noch, wie manchmal vermutet, als Co-Autor. In seinen Briefen aus dem Gefängnis hat Heß genau beschrieben, welche Rolle er hatte: Wenn Hitler ein Kapitel beendet hatte, kam er zu ihm und las es ihm vor.

Hitler suchte also nicht Rat bei Heß, sondern Bestätigung, und die ließ ihm sein gläubiger Gefolgsmann reichlich zuteilwerden. Auch die Konzeption des Buches stammt von Hitler allein. In seiner komfortabel eingerichteten Zelle baute sich der Autodidakt eine stattliche Handbibliothek auf. Was genau er gelesen und als Quelle herangezogen hat, lässt sich allerdings nur schwer rekonstruieren, weil er sich darüber bewusst ausgeschwiegen hat – man darf daher gespannt sein, was die im Januar erscheinende kritisch kommentierte Ausgabe von Mein Kampf zutage fördern wird.

Als Hitler am 20. Dezember 1924, nur neun Monate nach dem Prozess, aus der Haft entlassen wurde, war ein Großteil des Manuskripts abgeschlossen. Doch das Erscheinen verzögerte sich abermals – aus politischen Gründen: Hitler wollte seine Bemühungen um eine Aufhebung des NSDAP-Verbots und eine Neugründung der Partei nicht gefährden. In diesem Zusammenhang ist nicht nur die Entschärfung des Titels zu sehen (ab Februar 1925 lautete er in verknappter Form nur mehr Mein Kampf), sondern auch eine weitere einschneidende Veränderung: Aus einem Band wurden zwei. Hitler entschied sich, den ersten mit der Verkündung des Parteiprogramms am 24. Februar 1920 enden zu lassen und einige der bereits fertigen programmatischen Kapitel für den zweiten Band aufzusparen. Der sollte bis ins Krisenjahr 1923 führen, den Novemberputsch aber nicht mehr schildern.

In der Hitler-Literatur finden sich zahlreiche Namen von Mitarbeitern, die angeblich bei der Endredaktion des ersten Bandes Hitler zur Hand gegangen seien und ganze Abschnitte umformuliert hätten. Doch sicher belegt ist nur die Mitwirkung von Josef Stolzing-Cerny, Musikkritiker beim Völkischen Beobachter, und Ilse Pröhl, der Freundin und späteren Frau von Rudolf Heß. Ihr Beitrag beschränkte sich im Wesentlichen auf stilistische Korrekturen.

Der erste Band von Mein Kampf kam am 18. Juni 1925 heraus. Hitler war nun vollauf mit dem Neuaufbau der NSDAP und parteiinternen Querelen um den Kurs der Partei beschäftigt. Erst im Herbst 1926 fand er die Zeit, um auf dem Obersalzberg die letzten Teile des zweiten Bandes zu diktieren. Rudolf Heß, seit April 1925 sein Privatsekretär, übernahm die Korrekturarbeiten. Am 11. Dezember 1926 wurde das Buch ausgeliefert.

Mein Kampf ist also ganz Hitlers Werk. In ihm fasste er zusammen, was er sich angelesen und in seinen unzähligen Reden verkündet hatte – jetzt allerdings mit dem Anspruch, daraus eine in sich schlüssige "Weltanschauung" zu formen. "Eine Welle von Erstaunen, Wut und Bewunderung" werde nach der Publikation "durch die deutschen Lande gehen", prophezeite Rudolf Heß. Doch davon konnte zunächst keine Rede sein. Das Buch, Startauflage 10.000 Exemplare, verkaufte sich nur schleppend. Erst 1929/30 entwickelte sich Mein Kampf zum Bestseller, bevor es – von 1933 an – zur Bibel der Deutschen wurde.