DIE ZEIT: Herr Forst, man tritt Ihnen nicht zu nahe, wenn man Sie einen Kantianer nennt. Wie schwer ist es, in diesen Zeiten ein Anhänger der Kantschen Philosophie zu sein?

Rainer Forst: Gar nicht, denn Kants Philosophie sucht in ihrer systematischen Kraft ihresgleichen. Sie wirft insbesondere einen doppelten Blick auf uns: Sie zeigt uns als die Menschen, die wir sind – und sie zeigt uns als Wesen, die sich an Grundsätzen der kritischen Vernunft orientieren können und sollen. Kant lehrt uns, aus dieser Spannung heraus zu philosophieren.

ZEIT: Ganze Weltregionen versinken in Gewalt und Terror. Kann man da noch Kantianer sein?

Forst: Kant hat nie geglaubt, die Menschheit befinde sich in einem unaufhaltsamen Prozess der Aufklärung, der alles Alte hinwegfege und uns in traumhafte republikanische Globalverhältnisse führe. Er war sich sehr wohl bewusst, dass der Hang zur Gewalt ebenso zum Menschen gehört wie die Fähigkeit zur Vernunft. Allerdings lehrt uns Kant, dass wir verpflichtet sind, eine moralische Perspektive einzunehmen und unserer Neigung zur Aggression zu widerstehen. Den Stachel des kategorischen Imperativs – den werden wir nicht los.

ZEIT: Afghanistan, Irak, Libyen – diese Interventionen sind alle gescheitert. Sind das nicht Niederlagen für den moralischen Universalismus?

Forst: Aber nein! Wir dürfen doch nicht Kant so missverstehen, dass wir sagen, alle militärischen Interventionen des Westens seien ein direkter Ausfluss seiner Philosophie. Im Gegenteil. Aus dem Umstand, dass Kant das Menschenrecht und die republikanische Selbstregierung zum Fundament seiner Philosophie gemacht hat, folgt nicht, dass wir dies anderen mit Gewalt aufzwingen können. Kant war strikt gegen Interventionen. Und im Übrigen: Von einem moralischen Universalismus führt kein direkter Weg zu einem politischen Interventionismus. Das sind gedankliche Kurzschlüsse. Sie werden von den Interventionsanhängern ebenso in die Welt gesetzt wie von denen, die die Allgemeingültigkeit der Menschenrechte kritisieren.

ZEIT: Menschenrechte, Menschenwürde – das sind sehr westliche Grundsätze.

Forst: Das hört man oft, es stimmt nur nicht. Es ist historisch falsch, wenn man glaubt, die Idee der Menschenwürde könne nur vor einem westlich-christlichen Hintergrund verstanden werden. Es waren eher die "Ketzer", die eine säkulare Moral erkämpften. Es ist auch Unsinn, immer nur von "dem Westen" oder "dem Islam" oder anderen Kulturen zu reden. Es gibt in allen Gesellschaften eine eigene Sprache der Kritik. Sollen wir etwa behaupten, die Kritik am Kastenwesen sei noch keiner Inderin eingefallen, sondern nur einem Westler? Und die buddhistischen Mönche in Myanmar, die nicht vom Militär beherrscht werden wollen, seien die fünfte Kolonne des Westens und wünschten eine westliche Lebensform? War der Arabische Frühling etwa kein Phänomen in islamischen Ländern – und nur der "Islamische Staat" ist so eins? Wohin führt das? Zur Selbstbeweihräucherung hier und zur ideellen Ausbürgerung der genannten Kritiker dort. Es stimmt nicht, dass nur der Westen die Sprache der Freiheit versteht.

ZEIT: Verteidigen wir keine westlichen Werte?

Forst: Wenn wir etwa den Terror des "Islamischen Staates" bekämpfen, dann verteidigen wir nicht irgendwelche westlichen Werte – wir verteidigen Grundsätze der Gerechtigkeit, um die auch in anderen Gesellschaften gerungen wird. Die Menschenrechte gehören allen, nicht zuletzt denen, die unter Terror und Unterdrückung leiden. Kant hatte einen ausgeprägten Sinn für solche sozialen Kämpfe, die Französische Revolution war für ihn ein "Geschichtszeichen". Er hatte verstanden, worum es darin ging: nämlich darum, einen Rechtszustand ohne Willkürherrschaft herzustellen, auch wenn sein eigenes Gesellschaftsmodell diesen Standard unterbot, zum Beispiel in Bezug auf die Gleichheit der Geschlechter.

ZEIT: Man könnte einwenden, Kants Normen seien bloß eine westliche Religion, eine Glaubensform.

Forst: Diese Art von Vernunftkritik ist eher Teil des Problems als Teil der Lösung. Man muss schon wissen, was man sich damit einkauft – nämlich einen haltlosen Relativismus. Nichts gegen Vernunftkritik, aber das geht nur mit den Mitteln der Vernunft, womit denn sonst? Wenn wir die Vernunft heute zu einem Glauben unter anderem erklären, unterrichten wir morgen in der Biologie neben Darwin auch die Schöpfungslehre. Und übermorgen sagen wir, die Unterdrückung von Menschen in anderen Weltteilen sei bloß eine "andere Moral". Das ist absurd. Wenn wir die Idee aufgeben, dass in Konfliktfällen die Vernunft das übergeordnete, überparteiliche Vermögen sein muss, um zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden – dann sind wir verloren.