Es gibt Situationen in meinem Leben – meist frühmorgens, ich bin angetrunken und befinde mich nicht in einem Bett –, da schnurrt die Bandbreite der mir zur Verfügung stehenden Handlungsoptionen zu einer einzigen zusammen: Ab nach Hause. Sonst nix.

Das Ölbild habe ich gefunden, als ich mit genau diesem Tunnelblick und – wegen meines ausfallschrittartigen Tanzstils – schmerzenden Zehen heimtrippelte. Hinter mir eine gute Party bei Freunden, vor mir nichts als das regennasse Kopfsteinpflaster von Hamburg-Altona. Das Gemälde stand einfach da, es lehnte an einer Hauswand in Brusthöhe auf einem schmalen Vorsprung, den jemand zuvor von Sand und Staub frei gefegt haben musste. Ausgesetzt, dem Nieselregen überlassen – und dem Zufall. Es hatte etwas Mark-Rothko-Haftes: Grundfarbe Ocker (ich nenne es Vintage-Gold), darauf eine braune Fläche. Drum herum ein einfacher Keilrahmen aus Kiefernholz, so groß wie ein Tagebuch.

Ich schaute mich um, scannte die Fenster des Wohnblocks: nichts. Ich hob das Bild an, öffnete meine Jacke, steckte es ein und rannte los. Ich rannte nicht, weil ich mich wie ein Dieb fühlte oder wie ein Retter im Regen. Ich rannte, weil ich nicht weitergehen wollte wie zuvor. Ich wollte irgendetwas ändern, den Zufall feiern.

Inzwischen, fünf Jahre später, hängt das Bild in unserem Wohnzimmer überm Sofa. Der Zufall ist domestiziert. Doch bis heute nagen die offenen Enden des Bildes an mir: dieser Link zu einem schönen Abend. Diese Mahnung, die Dinge auf einen zukommen zu lassen; offen zu bleiben. Und die Fragen: Wer hat das Bild gemalt? Was denkt er oder sie, wo es jetzt ist? Und vor allem: Wie herum gehört es?