ZEIT: Können Sie ein Beispiel aus dem Alltag nennen?

Bloom: Nehmen Sie den Umgang eines Mediziners mit seinen Patienten. Die meisten Menschen wünschen sich einen Arzt, der zwar nachvollziehen kann, wie es ihnen geht, und der Verständnis zeigt. Aber sie wollen nicht, dass er dasselbe empfindet, dass er wie sie Ängste und Zweifel hegt.

ZEIT: Die Neuropsychologin Tania Singer hat bei Versuchen im Kernspintomografen gezeigt, dass buddhistische Mönche willentlich zwischen den beiden Gefühlen hin und her schalten können. Doch wie schafft man das, wenn man kein Mönch ist?

Bloom: (lacht) Nun, ich denke, diese Art von meditativem Training steht nicht nur Buddhisten offen. Das Wichtigste ist, sich nicht einfach seinen Gefühlen zu überlassen, sondern innerlich einen Schritt zurückzutreten und sich zu fragen: Wie kann ich am besten helfen? Handeln Sie dann auf ruhige, überlegte Weise – nicht nur mit dem Bild eines leidenden Kindes vor Augen. Denn von solchen Bildern werden unsere Gefühle allzu leicht manipuliert.

ZEIT: Weil Bilder nicht die Wahrheit erzählen?

Bloom: Weil sie nicht die ganze Wahrheit erzählen. Sie sind zwar nicht falsch, aber sie sind eben häufig nicht repräsentativ. Sie verzerren die Wirklichkeit. Deshalb sollte man einzelnen Bildern oder Geschichten niemals trauen, sondern nach den harten Fakten fragen und nach Daten, die eine realistische Einschätzung ermöglichen.

ZEIT: Erfordert Mitgefühl also mehr Denkarbeit als Empathie?

Bloom: In gewisser Weise ja. Empathie ist ein Bauchgefühl, das einen wegschwemmt. Das andere Extrem ist die kalte, nüchterne Rationalität, die sich von Gefühlen überhaupt nicht beeindrucken lässt. Das Mitgefühl dagegen liegt irgendwo dazwischen, es spricht das Herz an, hört aber auch auf die Gründe der Vernunft. Das ist genau das, was wir heute kultivieren müssen.

ZEIT: Erleben Sie diesen Unterschied auch selbst? Gibt es Situationen, in denen Sie zu viel Empathie empfinden?

Bloom: Das Leid anderer bewegt mich sehr stark. Und ich kann nicht so ruhig und gefasst damit umgehen, wie ich es gern tun würde. Wenn ich weniger intuitiv mitfühlen würde, wäre ich vermutlich ein besserer Mensch. Das gilt übrigens für uns alle.

ZEIT: Inwiefern?

Bloom: Manchmal spenden wir Geld, weil wir fühlen, wie es anderen geht – und ihnen unbedingt helfen wollen. Wir drücken einem Straßenkind ein paar Münzen in die Hand. Danach fühlen wir uns besser, aber geholfen haben wir nicht. Womöglich haben wir sogar eine kriminelle Bande unterstützt, die Kinder versklavt und sie zum Betteln schickt. Wir könnten mehr Gutes tun, wenn wir, statt einem Gefühl zu folgen, auf Statistiken schauen würden. So können wir objektiver entscheiden, wem wir wie helfen. Dann spenden wir eher an eine bestimmte Hilfsorganisation.

ZEIT: Ist Empathie ausschließlich schlecht?

Bloom: Das nun nicht. Sie kann zum Beispiel eine Quelle der gemeinsamen Freude sein und uns mit anderen zusammenschweißen. Beim Lesen oder Filmschauen erlaubt uns Empathie, mit den Protagonisten mitzufiebern. Aber wir sollten Empathie nicht als eine wunderbare Fähigkeit verklären, von der ein Mensch gar nicht genug haben kann.

ZEIT: Sie werden für diesen Standpunkt in der amerikanischen Öffentlichkeit und im Internet angegriffen und wüst beschimpft. Wie gehen Sie damit um?

Bloom: Wissen Sie, ich versuche sehr genau zu sagen, was ich meine. Wer jedoch nur hört, dass ich gegen Empathie bin, und meine Gründe und meine Argumentation nicht kennt, der wird verständlicherweise entrüstet reagieren. Dass diese Leute mich für eine Art Monster halten, wundert mich nicht. Aber in der Beziehung habe ich ein dickes Fell.