Mailand in der Abendröte: Touristen posieren auf der Piazza del Duomo, vor den Kirchentoren verkauft eine Chinesin dampfende Maroni, und in den Bars biegen sich zur Stunde des Aperitivo die Tresen unter Etageren mit Oliven und Tramezzini. Aber das Idyll trügt. Schwer bewaffnete Polizisten patrouillieren über den Platz und durch die Galleria Vittorio Emanuele. Auch vor dem Teatro alla Scala steht jetzt bereits ein Polizei-Mannschaftswagen. Eine Anti-Terror-Maßnahme? Oder bloß ein Vorbote des traditionellen Großaufgebots, das jährlich am 7. Dezember die festliche inaugurazione, die einem Staatsakt gleichende Saisoneröffnung an Italiens wichtigstem Opernhaus, absichert? Die Piazza della Scala pflegt sich dann selber in eine Kulisse zu verwandeln. Die trillerpfeifenden Demonstranten hinter den Absperrungen gehören ebenso zum Ritual der sich selbst inszenierenden Opernnation wie die Luxusroben, das anschließende Galadiner, die Ehrengarde und die elegant zu Pferde auftretenden Polizisten. Doch seit den Anschlägen in Paris ist es vorbei mit der unschuldigen Theatralik dieses Ereignisses.

"Wir leben in grauenvollen Zeiten", sagt Riccardo Chailly nach einer Probe zu Verdis Giovanna d’Arco im Dirigentenzimmer der Scala. "Ich war entsetzt, als ich von den Attentaten in Paris hörte, dafür gibt es überhaupt keine Worte." Worin soll jetzt die Aufgabe der Oper bestehen? "In Zeiten wie diesen muss man an einem Opernhaus auch demonstrieren, dass Musik und generell die Künste etwas sind, was einem hilft, den Schrecken zu kompensieren durch Positivität. Die Oper kann den Menschen das Gefühl geben, dass es noch etwas anderes gibt, das größer ist als der Terror. Eine andere Perspektive."

Die Oper als Ort der Zuflucht und des Trostes, als ein durch Polizeigewalt vom politischen Tagesgeschehen abgeschirmter Raum des ästhetischen Scheins? Chailly ist nicht der Mann für politische Experimente auf der Opernbühne, aber er ist auch kein Verfechter kulinarischer Weltfluchten. Das zeigt jetzt auch sein Blick auf Moshe Leisers und Patrice Cauriers Inszenierung der frühen Verdi-Oper Giovanna d’Arco, die er sich für seine erste inaugurazione als Musikdirektor ausgesucht hat. 1845 an der Scala uraufgeführt, war Verdis Schiller-Vertonung hier zuletzt 1865 zu sehen. Ein Unding in Chaillys Augen, das auch durch den Hinweis auf die exorbitant schwer zu besetzende Titelpartie nicht zu rechtfertigen ist, für die man schon eine Sängerin vom Kaliber Anna Netrebkos braucht. "Leiser zeigt die Giovanna als eine Frau, die Visionen hat und überbordende Träume", sagt Chailly, "er sieht sie nicht nur als Kämpferin. Diese Frau hat ein kompliziertes Hirn. Die Inszenierung wird die Zuschauer in die Lage versetzen, in dieses Gehirn einzutauchen und so die Kraft der Visionen mitzuerleben: Das ist es, was Oper leisten sollte."

In den vergangenen Jahren freilich war die Scala eher eine gehobene Touristenattraktion als ein Hort der Utopie und der künstlerischen Katharsis. Innerhalb der italienischen Opernlandschaft, die durch die diversen Kulturreformen rabiate Kahlschläge erlitten hat, steht das Flaggschiff zwar relativ geschützt da, trägt aber als beinahe letzte Bastion künstlerisch auch eine enorme Verantwortung. Ob es Chailly gelingen wird, dem Haus wieder zu einer substanzielleren, vitalen Identität zu verhelfen, bleibt abzuwarten. Seine Strategie klingt jedoch plausibel. Statt die Internationalisierung weiterzutreiben, die in den vergangenen Jahren das Repertoire bestimmt habe, meint der gebürtige Mailänder, solle sich die Scala – wie einst unter Claudio Abbado und Riccardo Muti – wieder stärker auf das konzentrieren, was ihre eigentliche Stärke sei: die italienische Oper. Darüber hinaus soll es einen Schwerpunkt mit zeitgenössischer Musik geben.

Chailly wirkt im Gespräch beneidenswert gelassen und in sich ruhend: ein Mann der Muße und der festen künstlerischen Grundsätze. Das war nicht immer so, erzählt er. Als 21-Jähriger, den Claudio Abbado als Assistenten an die Scala holte, sei er wild und explosiv gewesen, "Sturm und Drang jeden Tag". Doch wie vieles andere – das eingehende Partiturstudium, die Konzilianz im Umgang, die tiefe Demut vor den Werken – habe er sich bei Abbado, seinem wichtigsten Mentor, die Nervenruhe abgeguckt. "Natürlich muss man seine eigene Persönlichkeit wahren", kommentiert er sein Verhältnis zu Abbado. "Obwohl ich Claudio so bewundere, ist meine eigene Art, Mahler oder Brahms oder sogar Beethoven zu interpretieren, eine völlig andere." Das wird man auch in Luzern künftig spüren können, wo Chailly das von Abbado begründete Lucerne Festival Orchestra übernimmt. Im Sommer 2016 wird er dort mit Mahlers achter Sinfonie den Mahler-Zyklus Abbados posthum vollenden. Dass Chailly die Ruhe, die er von Abbado gelernt hat, bis heute für unverzichtbar hält, dazu mögen auch seine Handlungsgrundsätze, man möchte fast sagen, Rituale, beitragen. So nimmt er sich, bevor er ein neues Amt antritt, immer freie Zeit, um "Luft" zu haben für die Vorbereitung. Aus diesem Grund beendet er seinen Vertrag mit dem Gewandhaus in Leipzig vorzeitig zum Juni 2016, um sich dann voll und ganz auf die Scala zu konzentrieren.

Seine Programmplanung für die Scala ähnelt seinem Konzept in Leipzig. Er denkt nicht theoretisch, sondern künstlerisch höchst konkret, was bedeutet, dass er die Individualität eines Klangkörpers oder einer Institution in seinen Planungen zum Ausgangspunkt nimmt. Eine Opernproduktion, sagt Chailly, könne er nicht im luftleeren Raum planen, sondern erst, wenn er wisse, welche Sänger zur Verfügung stünden. Ähnlich richtet er seine musikalischen Schwerpunkte an der Charakteristik des jeweiligen Orchesters aus. Beim Concertgebouw-Orchester war es das Strauss-, Brucker- und Mahler-Erbe, das Willem Mengelberg als wichtiger Leiter des Orchesters hinterlassen hatte. Am Leipziger Gewandhaus fing er mit Johann Sebastian Bach an und kam über Schumann, Mendelssohn, Beethoven und Brahms zu Bruckner. Besonders wichtig war es Chailly hier, die Mahler-Tradition zu betonen, die Bruno Walter begründet hatte, und die von den Nationalsozialisten jäh abgebrochen worden war. "Ich wollte diese Tradition nach Leipzig zurückbringen", sagt der 62-Jährige. Das ist ihm gelungen.

Als Sohn eines Komponisten, der über 15 Opern komponiert hat und zeitweilig selber künstlerischer Direktor der Scala war, kennt Riccardo Chailly keine Berührungsängste mit der Moderne, und er hat sie in Leipzig (wie zuvor in Amsterdam) durch Uraufführungen gefördert. Differenzen mit dem Opernintendanten führten dort dazu, dass Chailly sein Amt als Generalmusikdirektor niederlegte. Auf die Frage, wie er sich die Zusammenarbeit mit dem Intendanten der Scala Alexander Pereira vorstelle, dem seit Jahren der Ruf eines brennenden Opernliebhabers und genialischen Geldeintreibers vorauseilt, reagiert Chailly zuversichtlich: Sie verstünden sich gut, zudem beträfe seine eigene Verantwortung das rein Künstlerische. Dies sei wichtig, weil die "Maschine" in Mailand sehr groß und kompliziert sei.

"Oper ist im Kern ein großer Kompromiss", sagt Chailly. "Man kann als Dirigent eine ganz idealistische Vorstellung im Kopf haben." Aber dann habe man es plötzlich mit Hunderten von Menschen zu tun: "Gerade weil die Oper ein Kosmos für sich ist, schenkt sie einem im glücklichsten Fall die Möglichkeit, der deprimierenden Realität für drei Stunden zu entfliehen. Die Größe der Oper liegt darin, dass sie Menschen zum Träumen bringen kann." In Zeiten der Bedrohung, möchte man hinzufügen, bekommt das Träumen einen bitteren, existenziellen Ernst.