Für Carsten Maschmeyer ist die Sache erledigt. Der Multimillionär hat einen Großteil des Geldes, das er und seine Frau Veronica Ferres bei dubiosen Aktiengeschäften verloren haben, wiederbekommen. Um seine Klage abzuwehren, ersetzte ihm das Schweizer Bankhaus J. Safra Sarasin rund die Hälfte des Schadens, den Maschmeyer mit 19 Millionen Euro beziffert hatte.

Damit kann der Unternehmer einen Schlussstrich unter eine Geldanlage ziehen, die darauf beruhen sollte, mithilfe eines Luxemburger Fonds in die deutsche Steuerkasse zu greifen. Weil die Finanzämter das Spiel durchschauten, ging die Sache schief. Maschmeyer behauptete, er habe nicht gewusst, mit welchen Methoden der Fonds die hohe Rendite hätte erwirtschaften sollen.

Für den Bundestagsabgeordneten Gerhard Schick aber ist die Sache mit den steuerschädlichen Aktiengeschäften noch längst nicht erledigt. Der Grünen-Politiker geht schon länger der Frage nach, warum es mehrere Bundesfinanzminister zuließen, dass reiche Investoren und Banken Milliardenbeträge aus der Staatskasse herausholten.

Im Frühjahr 2015 beantragte Schick, der Bundestag solle einen Sonderermittler einsetzen. Aber er fand dafür keine Mehrheit. Jetzt sorgt der finanzpolitische Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen dafür, dass es einen Untersuchungsausschuss zu diesem Thema geben wird.

An diesem Freitag soll im Bundestag über die Einsetzung des Ausschusses debattiert werden. Die Grünen und Die Linke sind dafür, und sie verfügen zusammen über ausreichend Stimmen, um den Untersuchungsausschuss auch gegen die Stimmen der Großen Koalition durchzusetzen. "Es ist sicher, dass der Ausschuss kommt", sagt Schick.

Ohne Zweifel lohnt sich der Versuch, den Skandal um dubiose Aktiengeschäfte politisch aufzuklären; der Schaden, den der Fiskus dabei erlitten hat, ist gigantisch. "Schätzungsweise 12 Milliarden Euro wurden uns gestohlen, weil die verschiedenen staatlichen Stellen nicht in der Lage waren, diese Betrügereien rechtzeitig zu stoppen", sagt Schick. Steuerprofessoren bestätigen diese Schätzungen.

Es gehe nicht darum, die früheren Finanzminister Hans Eichel (SPD) und Peer Steinbrück (SPD) sowie den Amtsinhaber Wolfgang Schäuble (CDU) zu jagen, sagt Schick, sondern um ein grundsätzliches Problem. "Wir müssen dafür sorgen, dass nicht ständig Milliarden an Betrüger und Trickser aus der Steuerkasse fließen." Neben den schon länger laufenden Ermittlungen mehrerer Staatsanwaltschaften und einigen Prozessen vor Finanzgerichten hält Schick eine Untersuchung darüber für nötig, was Politiker, Ministerialbeamte und die Finanzaufsicht falsch gemacht haben.

Es geht bei diesem Skandal um Geschäfte zu Lasten der Staatskasse, die so kompliziert sind, dass sie lange Zeit weder von den Finanzbehörden noch von den verantwortlichen Politikern durchschaut worden sind. Auch die Bezeichnung, die heute dafür verwendet wird, ist eher verwirrend als erklärend: Cum-Ex-Deals.

Vereinfacht dargestellt, läuft die Sache im Allgemeinen so: Wenn Aktiengesellschaften Dividenden an die Aktionäre ausschütten, ziehen sie davon 25 Prozent Kapitalertragsteuer ab, ähnlich wie ein Arbeitgeber das tut, der die Lohnsteuer für seine Mitarbeiter an das Finanzamt überweist.

Die meisten deutschen Aktien sind allerdings nicht im Besitz von Privatleuten, sondern gehören anderen Unternehmen. Das Gesetz sieht vor, dass Unternehmen die Dividenden steuerfrei kassieren können – um zu verhindern, dass Unternehmensgewinne nacheinander mehrfach besteuert werden, was der Wirtschaft schaden würde. Die Firmen bekommen also von den Banken Bescheinigungen über die von der Dividende bereits an der Quelle abgezogene Steuer. Damit können sie sich das Geld vom Finanzamt auszahlen lassen.

Diese Erstattungsmöglichkeit gibt es allerdings nur für deutsche Firmen und Banken. Ausländische Firmen haben sie nicht, weil sie ja auch ihre Gewinne nicht in Deutschland versteuern. Viele Aktionäre sind davon betroffen, denn ein Großteil aller deutschen Aktien ist im Besitz von ausländischen Konzernen und Fonds. Die Aktien der 30 Dax-Konzerne etwa gehören zu 60 Prozent Ausländern.

Bereits vor Jahrzehnten haben Banker und Steuerexperten eine Methode entwickelt, wie man aus der unterschiedlichen Behandlung von inländischen und ausländischen Aktionären Kapital schlagen kann: das Dividenden-Stripping. Das heißt so, weil es darum geht, die Dividende von der Aktie abzustreifen (Englisch: to strip).