Man sieht die Dinge klarer, wenn man sie mit Abstand betrachtet: So ist es auch mit Stuttgart. Erst mal werden Sie nämlich denken, die Stadt sei hässlich. Wenn Sie am verstümmelten Hauptbahnhof ankommen, noch nichts kennen, vor den Bauzäunen und Kränen stehen. Aber Stuttgart ist nicht hässlich. Zwei Stunden reichen, um das zu verstehen. Sie müssen allerdings hoch hinaus.

Steigen Sie am Hauptbahnhof in ein Taxi. Ihr Ziel heißt: Birkenkopf. Bitten Sie den Fahrer, einen kleinen Schlenker über die Konrad-Adenauer-Straße zu fahren, vorbei an Staatsgalerie, Oper, Theater, Landtag und Neuem Schloss. Die Staatsgalerie besuchen Sie beim nächsten Mal.

Der Fahrer schwenkt dann auf die Rotebühlstraße ein, und Sie merken: Es geht bergauf. Stuttgart liegt in einem Talkessel, was bedeutet, dass es viele schöne Orte gibt, von denen aus man die Stadt überblicken kann. Um mehr zu erfahren, füttern Sie wahlweise Ihr Smartphone oder den Fahrer mit dem Stichwort "Halbhöhenlage". Wikipedia wird sagen: "Aufgrund ihrer Lage gilt die Stuttgarter Halbhöhe als bevorzugte Wohngegend, da sie durch die Hanglage mehr Aussicht bietet als die Wohngebiete auf den Höhen selbst." Der Fahrer wird sagen: "Das kann sich kein Schwein leisten."

Das Taxi kommt nach 20 Minuten Fahrt auf einem Waldparkplatz zum Stehen, Kreuzung Geißeichstraße und Rotenwaldstraße. Geben Sie Trinkgeld, geizen Sie nicht, das wäre zu viel der Anpassung. Eine Treppe führt Sie in den Wald. Der Weg zum Birkenkopf ist asphaltiert und schlängelt sich in moderater Steigung den Berg hinauf. Atmen Sie ein: Stuttgart ist von Wäldern umgeben, Stuttgart ist schön. Nach einer halben Stunde Fußweg gelangen Sie auf den Gipfel. Herumliegende Betonbrocken verraten, warum die Stuttgarter den Birkenkopf auch "Monte Scherbelino" nennen: Er besteht mehrheitlich aus Schutt. Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte man die Trümmer der Stadt auf den Birkenkopf, der Berg wuchs um 40 Meter, 40 Meter deutscher Schande.

Ganz oben steht ein Gipfelkreuz. Gestatten Sie sich ein wenig Bergsteigerstolz. Blick auf die Stadt: hinten Weinberge, das Mercedes-Museum, schnittig und cool, das Rathaus, in dem ein Grüner regiert. Stadtvillen, gelbe Straßenbahnen.

Dann, Wende um 180 Grad, Blick in Richtung Süden: die Schwäbische Alb, Eduard Mörike nannte sie die "Blaue Mauer". Die Burg Hohenzollern, wenn das Wetter gut ist. Sie sehen, weiter vorn, die Filderebene. Dort baut der Schwabe Kraut an. Dort stinkt es unhaltbar. Machen Sie Fotos: zum Beweis, wie schön diese Stadt ist und ihr Umland. Bestellen Sie am Waldparkplatz ein Taxi. Und am Hauptbahnhof schließen Sie bitte Augen, Nase und Ohren, um nicht die gute Laune zu verlieren.