So geräuschlos ist Deutschland noch nie in einen Krieg geglitten. Kein Farbbeutel auf das Ohr eines kommenden Außenministers wie beim Kosovo-Einsatz. Keine stundenlangen Verhandlungen darüber, welche Abgeordneten ihrem Gewissen folgen dürfen und welche die Regierungsmehrheit für den Afghanistan-Feldzug sicherzustellen haben. Nichts dergleichen in diesen Tagen.

Es kann ja nicht allein daran liegen, dass die sonst stets pazifistische Linke diesmal so leise protestiert, weil auch Russland am Krieg teilnimmt und Moskau bekanntlich nie irrt. Noch weniger lässt sich der stille Marsch in den Krieg darauf zurückführen, dass man diesmal mit den richtigen Partnern unterwegs ist. Tatsächlich handelt es sich um eine Allianz, an der gemessen die Koalition der Willigen gegen den Irak als Synchronschwimmverein durchgeht. Am allerwenigsten hat der Kriegskonsens damit zu tun, dass der Kampf gegen den IS gut durchdacht wäre. Davon kann nun keine Rede sein bei diesem Krieg auf Sicht.

Warum also dann? Ganz einfach: Die Entscheidung für den Krieg gegen den IS hat mit dem Krieg gegen den IS gar nichts zu tun. Die Deutschen haben wenig Angst vor dem Terror, sie haben Angst um Europa. Im Jahr der großen Krisen hat der Zusammenhalt der EU von Mal zu Mal abgenommen. Bei der Ukraine hat man es noch einigermaßen hingekriegt, allerdings mit einem etwas hinterhertrottenden Frankreich und einem hochgradig genervten Italien.

In der Griechenland-Krise wäre es dann schon um ein Haar zur Kernspaltung gekommen, also zum Bruch zwischen den beiden Ländern, ohne die nichts geht: Deutschland und Frankreich.

Und seit nun Hunderttausende Flüchtlinge aus Arabien nach Norden aufbrechen, hat sich die europäische Solidarität fast völlig aufgelöst. Frankreich fühlt sich paradoxerweise von den Flüchtlingen bedroht, die es nicht aufnimmt (sondern Deutschland); Deutschland fühlt sich von fast allen im Stich gelassen (besonders von Frankreich).

Und nun der Terror in Paris. Das wäre die eine Krise zu viel geworden, also musste Deutschland mit in diesen Krieg. So erklärt sich die Stille. Bleiben kann sie nicht, denn kein Krieg ist nur symbolisch. Er findet wirklich statt. Und dieser wird noch sehr laut werden.

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