DIE ZEIT: Herr Hitzlsperger, das Handy-Klingelzeichen klingt ziemlich weit weg, wo erreiche ich Sie?

Thomas Hitzlsperger: Westküste USA, Los Angeles. Hier lässt sich der Winter leichter ertragen, wenngleich kaum Weihnachtsstimmung aufkommt. Aber ich bin hier nicht auf Urlaub, sondern um zu arbeiten.

ZEIT: Was genau tun Sie dort?

Hitzlsperger: Ähnlich wie für den Bayerischen Rundfunk arbeite ich als Fußballexperte. Seit Beginn der laufenden Bundesligasaison überträgt FoxSports jeden Spieltag. Das Ganze wird sehr aufwendig produziert, und dazu gehören auch Experten, die im Studio den Spieltag analysieren. Überdies bin ich bei Live-Spielen von Bundesliga und Europa League sowie bei Länderspielen im Einsatz.

ZEIT: Schauen Sie aus den USA anders auf die Liga als in Deutschland?

Hitzlsperger: Aufgrund des Zeitunterschieds von neun Stunden schaue ich manchmal mit halb geöffneten Augen zu, weil die Spiele um 6.30 Uhr Ortszeit beginnen. (lacht) Über die tägliche Arbeit hinaus interessiere ich mich dafür, wie die Leute die Liga wahrnehmen: Sie sind sehr gut informiert, sie nehmen den Fußball sehr ernst.

ZEIT: Welches sind die Figuren, über die man in den USA spricht?

Hitzlsperger: In erster Linie über die Stars der Liga, also viel über den FC Bayern. Darüber hinaus über die US-Nationalspieler, vor allem über Fabian Johnson von Borussia Mönchengladbach, der zurzeit in bestechender Form ist. Und natürlich über den Leverkusener Javier Hernandez. Der Anteil der mexikanischen Bevölkerung in den USA ist bekanntlich nicht klein. Als ich am Wochenende Leverkusen gegen Schalke kommentierte, blendete der mexikanische Producer Hernandez so lange ein, dass ich irgendwann nicht mehr wusste, was ich noch über ihn sagen sollte.

ZEIT: Immer wieder wechseln europäische Spitzenspieler im Herbst ihrer Karriere in die USA, zuletzt Italiens Superstar Pirlo nach New York. Handelt es sich dabei um eine lukrative Show-Veranstaltung, oder gibt es auch eine sportliche Herausforderung?

Hitzlsperger: Wer glaubt, hier noch einmal abkassieren zu können, ohne sich anzustrengen, der täuscht sich gewaltig. Klar, taktisch und technisch ist die Major League Soccer (MLS) nicht auf Spitzenniveau, aber was die Physis der Spieler betrifft, ist sie den besten europäischen Ligen ebenbürtig.

ZEIT: Bereuen Sie es, Ihre Karriere nicht dort beendet zu haben?

Hitzlsperger: Keineswegs. Ich wäre in der MLS genauso ehrgeizig gewesen und hätte vermutlich das Leben in einer der Großstädte kaum genießen können. Nach New York wäre ich jedenfalls nicht gewechselt. Clubs wie die Portland Timbers sind viel reizvoller.

ZEIT: Portland statt Big Apple: Das klingt stark nach unterhaltungsarmer Schinderei.

Hitzlsperger: Sie kennen wohl Portland nicht.

ZEIT: Stimmt.

Hitzlsperger: Das ist eine der hipsten Städte an der Westküste und außerdem der Sitz von Nike.

ZEIT: Aber im Vergleich zu New York ...

Hitzlsperger: ... das Studio 54 ist längst Geschichte, und die coolsten Clubs sind in Berlin. Und wer weiß, vielleicht werden in Portland bald die neuen Trikots der Nationalmannschaft produziert.