Wie könnte das Netz je verschwinden? Nutzen wir es nicht jeden Tag intensiver? Sind wir nicht immer länger online und erledigen alles Mögliche mit dem Smartphone? Ja, atmen wir nicht förmlich das Netz? Wer da behauptet: "Das Netz verschwindet", darf nicht mit Kopfnicken rechnen.

Doch der Autor Konrad Lischka stellt genau diese Diagnose, in einem bemerkenswerten Essay mit ebendiesem Titel: Das Netz verschwindet (Hanser Box, 2,99 Euro). Auf wenigen Seiten verbindet er eine Ideengeschichte des Netzes mit einer aktuellen Bestandsaufnahme. Einst als "Neuauflage der Pariser Kommune" gestartet, gleiche das Internet heute einem Monopoly weniger dominanter Datenkonzerne: "Da ist etwas gründlich schiefgegangen in den vergangenen zwanzig Jahren."

Ein Mehr an Nutzern bringe heute kein Mehr an Vielfalt mit sich, klagt der Autor. Zum Beispiel surfen heute zwar mehr Menschen denn je im Netz, doch immer weniger nutzen die breite Information der Wikipedia, zusammengetragen von vielen Millionen Autoren (immerhin die größte Wissenssammlung der Menschheit). Gleichzeitig gewönnen einige wenige Konzerne wie Google und Co. immer größere Nutzungsanteile: Im Jahr 2015 sei schon mehr als die Hälfte des Datenverkehrs in Nordamerika auf Netflix, YouTube, iTunes und Facebook entfallen. Und wer die Chiffre "in Nordamerika" liest, denkt unweigerlich: Bei uns ist das bald auch so. Da die absolute Zahl der Onliner in den westlichen Märkten kaum noch wachse, setzten die Datengiganten auf weitere Konzentration. Dieser Trend, so Lischka, "schadet der Vielfalt im Netz".

Und das ist der Knackpunkt. Der Autor, der lange im Netzweltressort von Spiegel Online gearbeitet hat, bevor er als Referent Digitale Gesellschaft in die nordrhein-westfälische Staatskanzlei wechselte, sorgt sich gar nicht um das Netz. Sondern um das offene Netz. Nicht Kapitalismus- oder Konsumkritik stecken hinter seiner Ablehnung des kalifornischen Oligopols. Sondern die Einsicht, wie wichtig das Netz als Weltbildmaschine heute ist – und wie wichtig damit eine möglichst große Vielfalt an Quellen, Diensten und Anbietern.

Die Argumente aus diesem Essay sollte jeder mündige Netznutzer kennen. Gute Laune macht die Lektüre obendrein. Denn Das Netz verschwindet ist kein Gejammer, kein "Man müsste mal", sondern eine Anstiftung für jeden: Damit wir, wenn wir schon immer länger online sind, auch das Netz jenseits von WhatsApp und Snapchat, von Facebook, Instagram und YouTube kennenlernen, zählt Lischka viele Beispiele für offene, alternative Dienste auf, für nicht profitorientierte und kreative Projekte.

Und er fragt: Was, wenn jeder auf dem Weg zur Arbeit zehn Minuten seiner Smartphone-Zeit einem gemeinnützigen Mitmachprojekt widmete?