Am Ende kommt’s, wie man es sich nicht schöner wünschen könnte – natürlich, ist ja kein schwermütiges Theaterstück, ist ja ein Musical. Der Geist, den ein dicker Mann mit Glatze verkörpert, sagt noch: "Ohhhh, ich liebe Happy Ends" – schwacher Versuch der ironischen Brechung –, aber da stehen sie sich schon gegenüber, schwer keuchend von all den Tanzeinlagen der letzten zweieinhalb Stunden und schwer verliebt: Aladdin, der Straßenjunge, und Jasmin, die Prinzessin.

"Ich liebe dich, Aladdin", sagt Jasmin. Und Aladdin könnte jetzt antworten: "Ich dich auch, Jasmin, und ich werde mein Leben lang für dich sorgen." Oder: "Ich dich auch, Jasmin, und ich werde dir dreißig Kamele auf fünfzehn fliegenden Teppichen schenken." Oder: "Ich dich auch, Jasmin, und ich freue mich, dass ich als zukünftiger Sultan endlich privat krankenversichert bin."

Aladdin sagt aber nur: "Du kannst mich Al nennen."

Aus Aladdin wird Al. Das ist eine zweckmäßige Abkürzung, die sich im Alltag gewinnbringend einsetzen lässt: "Aaaaal, kannst du mir meinen Kamm aus dem Bad mitbringen?" Der Silbenklau hat aber auch Symbolwert: Er integriert den Helden in die westliche Popkultur. Al wie Al Bundy, Al wie Al Capone. Das Arabische, das Unbekannte, das Fremde wird erfolgreich reduziert, wenn nicht gelöscht.

Die Geschichte von Aladdin also, das berühmte Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Am Wochenende war Europapremiere in der Neuen Flora. Ein leichter Stoff in schweren Zeiten, zumal die Gegend, in der die Geschichte spielt, als Krisenregion gilt. Aladdins Heimat ist der Irak, seine Abenteuer spielen mutmaßlich in Bagdad.

Ein Musical muss sich dazu nicht verhalten. Ein Musical ist ja Unterhaltung, will gar nicht mehr sein. Aber es ist dann schon ein Statement, wenn auch ein indirektes, dass das Arabische hier vor allem Kulissenstatus hat und Aladdin eben zu Al wird, einem Helden mit Amerikanischem Traum.

Ein Junge von der Straße. Hat kein Geld, deshalb stiehlt er. Hat einen Prachtkörper, deshalb tanzt er. Eines Tages trifft er die Prinzessin auf dem Basar, die ausgebrochen ist aus ihrer aristokratischen Etepetete-Welt. Kennenlernen und Verlieben in zwei Liedern und zwei Tänzen. Sie stehen auf hellem Sandstein, hinter ihnen ragen ein paar Minarette in die Höhe. Sie wollen weg.

Sie singt: "Oder wir reisen übers Meer."

Er singt: "Ich mach das Schiff für dich bereit."

Und man denkt kurz an andere Schiffe, die gerade bereit gemacht werden in der arabischen Welt. Aber dann kommen schon die Wachen des Sultans, die schwarze Mäntel tragen, und reißen das Glück, das sich anbahnt, auseinander. Dass es dann doch noch zustande kommt, das Liebesglück des Aufsteigers Aladdin, dafür braucht es den Flaschengeist, drei Wünsche und viele Lieder. Und entsprechend der Logik dieser Inszenierung, die ihre Figuren als Emanzipations- und Wohlstandskämpfer begreift, sind auch die Songs keine Oud- und Tabla-Folklore, sondern astreiner amerikanischer Swing.

Und so steppen in der Neuen Flora dreißig Schauspieler über die Bühne, es wirkt wie eine Nummernrevue in einem Las-Vegas-Casino. Man trägt Turban und Schleier, die Männer zeigen ihre Sixpacks, die Frauen kokette Brillanten im Bauchnabel. Es glitzert, es glänzt, nur was da hüpft und schallt und lacht, das ist nicht der Orient.

Es ist der Westen, wie er sich den Orient wünscht.

Das ist schön anzuschauen – und in choreografischer Hinsicht sehr sportlich und kräftezehrend. Vor allem der Dschinni, der Flaschengeist, gespielt von Enrico De Pieri, ist wunderbar. Der Märchenvorlage gemäß ist er eigentlich nur Wunscherfüller. Bei "Aladdin" aber auch: Conférencier der Aufführung, mitunter ins Tuntige abgleitender Kumpel von Aladdin, Helene-Fischer-Parodist, stärkster Sänger mit krachender Stimme.

Der Geist ist allgegenwärtig. Das hat den Effekt, dass die anderen etwas blass gegen ihn aussehen. Richard-Salvador Wolff als Aladdin und Myrthes Monteiro als Prinzessin Jasmin, die tapfer für ihre Gleichstellung kämpft ("Mein Prinz muss auch mal eine königliche Windel wechseln").

Aber das ist, wie sich schließlich herausstellt, nur der kleinere, zu lösende Konflikt. Der Zauber liegt in der Lampe: Denn aus ihr kommt dieser Geist, der tanzt und lacht und schäkert und glänzt und am Ende befreit wird aus tausend Jahren Gefangenschaft. Was sagt man dazu? Na, Utopie natürlich.

Neue Flora, Stresemannstraße 159a, täglich außer Montags