Drei merkwürdige Erinnerungsbücher sind jüngst erschienen. Drei Westdeutsche verfassten ostdeutsche Memoiren. Drei "Pioniere der Einheit" – ein Politiker, ein Wirtschaftsdirigent, ein Zeitungsmann – erzählen die Verwandlung der DDR in "neue Bundesländer". Ich las ihre Geschichten meines Landes mit Eifersucht. Beschrieb je ein Ostler die westdeutsche Übergangsgesellschaft? Gab es die überhaupt nach 1990? Besuch bei den Autoren.

Behutsam gealtert sitzt Hans Otto Bräutigam unter einem Gemälde. Es zeigt ihn selbst, einen Mann in der Grenzbrache des geteilten Berlin. Vom Horizont des Ödlands lugt der Reichstag, im Vordergrund buckelt ein überwucherter Hügel. Daneben, kahl, ein Baum. Schauen Sie genau auf die Zweige, sagt Bräutigam. Erkennen Sie das Hakenkreuz? Unter dem Hügel liegt der Führerbunker.

Der Maler Matthias Koeppel schuf das Bild 1977 im Auftrag des jungen Diplomaten Bräutigam, den die neue Ostpolitik Willy Brandts nach Berlin verschlagen hatte. Am 2. Mai 1974 eröffnete die Bundesrepublik in Ost-Berlin ihre Ständige Vertretung, Bräutigam fing dort an. 1982, noch unter Kanzler Helmut Schmidt, wurde er ihr Leiter. Mit der DDR verhandelte er im Geist seines Vorvorgängers Günter Gaus: Westgeld gegen menschliche Erleichterungen für DDR-Bürger.

Was unterschied Sie von Gaus?

Gaus, erklärt der Katholik Bräutigam, entwickelte sentimentalische Gefühle für die DDR, aber kein Verhältnis zu den Kirchen. Ich suchte ein enges. – So begegnete er auch Manfred Stolpe. Der Generalsekretär des DDR-Kirchenbunds amtierte als Grenzgänger zwischen Staatsmacht und evangelischer Kirche. Und wurde Bräutigams Schicksalsgestalt ...

1989 ging Bräutigam als UN-Botschafter nach New York. Kaum war er dort, implodierte die DDR. Am 3. Oktober 1990, dem Tag der deutschen Vereinigung, sprach Bräutigam zur Vollversammlung der Vereinten Nationen. Ende Oktober rief Manfred Stolpe an. Der frisch gewählte Ministerpräsident von Brandenburg offerierte ihm das Justizministerium. Bräutigam lud die New Yorker Diplomatie zur Abschiedsfeier und verkündete: "I go back to my village." So schließt Ständige Vertretung, der erste Teil seiner politischen Autobiografie. "Am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg nach Potsdam."

Dort beginnt Bräutigams zweites Geschichtsbuch: Meine Brandenburger Jahre . Damals ist er 60. Zum ersten Wahlkampfauftritt seines Lebens in Herzberg an der Elster strömt exakt ein Bürger. Statt Weltpolitik beschäftigt Hans Otto Bräutigam fortan die ostdeutsche Transformation: Vermögensfragen, Rechtsextremismus, Folgen der SED-Diktatur. Die Hohenzollernknochen kehren nach Potsdam zurück, Brandenburgs Länderfusion mit Berlin scheitert, die Oder läuft über. Das sorbische Dorf Horno wird zum Fraß der Braunkohleindustrie. Häftlinge türmen aus maroden Knästen, die bald "Reisebüro Bräutigam" genannt werden.

Bräutigams Buch ziert ein Foto des Autors mit Regine Hildebrandt. Die Volksheroine und der hochseriöse Diplomat flankierten wie zwei Schutzengel den Landesvater. Stolpe, der einzige nicht importierte Ost-Ministerpräsident, nannte Brandenburg mit Kalkül "die kleine DDR". Er popularisierte bodenständiges Selbstvertrauen und trotzte allen Stasi-Vorwürfen als Repräsentant ambivalenten Lebens im SED-Staat. Nach zwei Legislaturperioden schied Hans Otto Bräutigam aus Stolpes Kabinett.