Ballettkarrieren laufen nach dem gleichen Muster: früher Start, zähes Durchhalten, frühes Ende. Selbst ein Aufstieg an die Weltspitze schützt nicht davor, mit 35 plus x Jahren die Pensionsgrenze zu streifen.

Alessandra Ferri macht da keine Ausnahme. Anfang der 1980er Jahre tanzte sich die Italienerin in die erste Reihe des Royal Ballet London, heuerte danach beim American Ballet Theatre an, wanderte weiter zur Mailänder Scala und bespielte schließlich alle Weltbühnen. 2007, im Alter von 44 Jahren, nahm die Ballerina ihren Abschied. Sie hatte einen Fotografen geheiratet, zwei Töchter geboren und sich vorgenommen, das Familienidyll zu leben. Das war wohl keine gute Idee. Die Ehe ging in die Brüche, die Kinder wuchsen der zierlichen Mutter über den Kopf. Prompt meldete sich Ferris Tanzwille zurück, gefolgt von einem Entschluss: Zurück auf die Bühne! Nur – wie geht das mit gut 50 Jahren? Ein role model gab es nicht.

Zwei Choreografen haben diese Virtuosin nicht vergessen. Im Mai setzte Wayne McGregor, Englands Topdesigner des Tanzes, die Ballerina als Wiedergängerin Virginia Woolfs in Szene und feierte mit Woolf Works einen triumphalen Erfolg. Jetzt war John Neumeier an der Reihe, und Kollege McGregor kam eigens aus London angereist, um das Ergebnis zu begutachten: Hamburgs Ballettchef hat der Tänzerin mit Duse ein Lebensdrama auf den Leib geschneidert: Ferri wird zu Eleonora Duse (1858 bis 1924), neben Sarah Bernhardt die größte Theaterschauspielerin der Belle Époque.

Die Vita der Künstlerin ist das eine, ihre Nähe zu Neumeiers Kunst das andere Leitmotiv des Abends. Im 42. Jahr seiner Hamburger Ära schaut der Choreograf zurück auf eine seiner bedeutendsten Musen: Eleonora Duse, die den eigenen Seelenstoff in jedes ihrer Schauspielgewebe flocht, hat Neumeier seit seiner Ausbildung fasziniert.

Wie sieht das konkret aus? Eine Récamiere thront auf dem Bühnenpodest, die Lehne frontal zum Publikum der Oper gerichtet. Soll bloß niemand die salontragischen Gebärden verpassen, mit denen sich eine rotlockige Femme fatale im Liebesgefecht verausgabt. Das weiße Chiffonkleidchen schmeichelt ihrer Figur, eine Boa aus luftigen Federn streichelt den Hals, derweil sie mit beinpeitschenden Drehungen dem Liebhaber einheizt. Eine Dutzendschaft Claqueure, in Kinosessel gepfercht, applaudiert dieser Kameliendame. Keine Frage: Die Aktrice ist ein Star!

Scheu nähert sich eine junge Kollegin, sinkt voller Bewunderung vor Madame auf die Knie. Obwohl die Künstlerinnen kurz darauf gleichziehen, werden sie für immer verschiedene Planeten bewohnen: Sarah Bernhardt, die ältere, buhlt mit aufwallender Leidenschaft um Ovationen, die Duse wirft den Zuschauer ins Feuer fremder Seelen, das sie kraft innerer Glut entzündet.

Behändes Spiel auf der Virtuosenklaviatur hier, Echo aus dem Inneren dort – das sind die Signaturen einer Schauspielrevolution, die das Gesicht des Theaters an der Schwelle zum 20. Jahrhundert verändert.

John Neumeier schaut aufmerksam in dieses Gesicht, er markiert das Duell zwischen Verismus und Manierismus, italienischem Parlando und französischem Stakkato, indem er die Körper der Konkurrentinnen flüstern und schreien macht: Breitbeinig hockt seine Eleonora auf einfachem oder edlem Gestühl, während ihre Rivalin jedes Möbel und jeden Quadratmeter Raum als Manege ihrer Manie beturnt. Diese Eigenheiten fügt Neumeier in einen dramaturgischen Rahmen ein, der auch ein paar Macken hat. Dazu gehört, dass der junge Soldat und Briefpartner Luciano Nicastro das Zeitliche segnen muss, damit Gevatter Tod ein barmenswertes Opfer findet, obwohl der echte Nicastro bis 1977 lebte – mehr als ein halbes Jahrhundert länger als die Duse. Ihre Lebensgefährten – den Komponisten Arrigo Boito und den Dichter Gabriele D’Annunzio – kalligrafiert der Choreograf dafür mit feiner Schrittnadel: den einen als väterlichen Führer in die Gefilde der Literatur, den anderen als Dandy mit Diva-Allüren.

Und dieser Dandy-Dichter wirft sich mit einem Hechtsprung der stolzen Duse zu Füßen. Sogleich entbrennt ein erotischer Machtkampf, den sie, unter seinen Lenden begraben, verliert. Der Sieger hat, was er will: eine lebende, dienstbare Trophäe. Schamlos produziert er sich anschließend vor der anrückenden Fotografenmeute, während Eleonora um Fassung ringt. Nie wieder wird sie ihm gefällig sein, geschweige denn seinen schwülstigen Ergüssen.

1904 hat D’Annunzio seine Geliebte als Protagonistin eines Enthüllungsromans missbraucht und öffentlich brüskiert. Es ist der Sargnagel einer Beziehung, die Neumeier plakativ ausleuchtet. Doch Alessandra Ferri bewahrt selbst in solchen Szenen die Unschuld eines Herzens, das mit der Lebenserfahrung gereift, aber nicht gealtert ist. Die Sehnsucht schlägt weiter in ihm.

Ihre eigene Sehnsucht hat die Ballerina gestillt. Sie ist zurück im Rampenlicht und richtet den Scheinwerfer auf Frauengestalten, denen das Glück allenfalls sporadisch über den Weg lief. Auf grandiose Künstlerinnen, Titaninnen ihres Fachs. Ferri ist ihnen ebenbürtig. Und ein Glücksfall für John Neumeier und alle Tänzer, die sich mit 35 plus x noch nicht aufs Altenteil setzen mögen. Endlich haben sie ein role model − das herrlichste, das sie kriegen können.

"Duse", Staatsoper Hamburg, Dammtorstraße 28; 9., 15., 16., 28. und 31. Januar 2016