Billard ist angewandte Physik. Einfallswinkel ist gleich Ausfallswinkel: Wer würde sich noch an diesen Merksatz erinnern, wäre er nicht untrennbar verbunden mit dem eingängigsten aller geometrischen Beispiele, jenem vom Billardspiel? Gleichgültig, in welchem Winkel eine Kugel auf die Bande trifft, sie wird aufs Grad genau in demselben Winkel (wenngleich in entgegengesetzter Richtung) wieder von ihr abprallen.

Diese große, schlichte mathematische Wahrheit sorgt auf dem grün bespannten Tisch für unendliches Spielvergnügen. Was nicht bedeutet, dass man nicht auch mit dem Tisch spielen könnte. So wie Alex Bellos. Der britische Autor ließ einen Tisch ohne Ecken und mit nur einem einzigen Loch bauen, das zudem auf der Spielfläche liegt statt am Rand. Angefertigt hat dieses Unikat "die beste Billardtisch-Manufaktur des Vereinigten Königreichs, wenn nicht der Welt", wie Bellos stolz berichtet. "Loop" nennt er das Ergebnis, Loop wie Pool, nur andersrum. Das Anagramm zeigt: Hier werden dieselben Elemente verwendet, aber es kommt etwas anderes dabei heraus.

Denn aus der Sicht eines Poolbillard-Spielers ist ein eckenloser Tisch schon recht verwirrend. So leicht es ist, die Einfallswinkel-Ausfallswinkel-Regel an einer geraden Bande anzuwenden – so viel komplizierter wird es, sobald die Bande gekrümmt ist. Augenmaß an einer geschwungenen Kante zu nehmen fällt ungleich schwerer. Zudem ändert die Kante des Loop-Tischs ihre Krümmung ja von Stelle zu Stelle: Denn sie beschreibt nicht etwa einen gleichmäßigen Kreis, sondern eine Ellipse.

Seit drei Jahrtausenden fasziniert diese geometrische Grundform die Menschen, auch Alex Bellos hat sie es besonders angetan. Bellos studierte in Oxford Mathematik und Philosophie, dann wurde er Journalist. Für den Guardian berichtete er aus Südamerika, kehrte als Schreiber aber stets zu seinen beiden Leidenschaften zurück, Sport und Mathematik. Er ist der Ghostwriter einer Autobiografie der brasilianischen Fußball-Legende Pelé und Autor zweier populärer mathematischer Sachbücher. Bei der Recherche für Alex im Wunderland der Zahlen stieß er auf die kuriose Geschichte eines US-amerikanischen Studenten namens Art P. Frigo junior. Der hatte in den frühen sechziger Jahren schon einmal den Versuch unternommen, Billard auf einem eckenlosen Tisch populär zu machen. Zwar fand er einen Hersteller für sein "Elliptipool" mit einer weißen und sechs farbigen Kugeln. Fans gewann diese Idee hingegen nicht.

Doch mehr als 50 Jahre später ließ der Gedanke an einen elliptischen Billardtisch Alex Bellos keine Ruhe. Wegen der Sache mit den Brennpunkten. Bei einer Ellipse bestimmen zwei Brennpunkte die Form: je enger sie beieinanderliegen, desto runder; je weiter auseinander, desto linsenförmiger. Liegt nun in einem der Brennpunkte ein Loch, so rollt eine Kugel zwangsläufig dort hinein, wenn sie vorher den anderen Brennpunkt passiert hat (siehe Grafik). Diese, in Bellos’ Worten, "ziemlich coole Eigentümlichkeit" lässt sich geometrisch begründen: Von jedem Punkt auf dem Ellipsenrand läuft je eine Linie auf jeden der zwei Brennpunkte zu, und diese beiden Linien weisen beide den gleichen Winkel zum Rand auf – ein spezieller Fall von Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel also. Und das Siegrezept für jeden Spieler! Damit die ersten Jünger der neuen Sportart es aber nicht zu leicht haben, ziert den edlen Loop-Prototyp ein extra kleines Loch.

Für das kommende Jahr plant Bellos einige öffentliche Events, bislang jedoch keine in Deutschland. Vielleicht ist seine Symbiose aus Mathematik und Salonathletik ja einfach durch und durch britisch. Als im Sommer (und natürlich in Oxford) die erste Loop-Meisterschaft veranstaltet wurde, gewann ein gewisser David Spiegelhalter. Wie passend: Er ist Statistik-Professor in Cambridge.